Als ich zum ersten Mal dachte, ich hätte einen geistesgestörten Kommissar vor mir, der einen Fall zu lösen versuchte, den sich ein Autor zurechtkonstruiert hatte, der weder von den elementarsten Erfordernissen der Logik noch von den simpelsten Bedingungen der Polizeiarbeit eine Ahnung hatte, da hielt ich Fred Vargas‘ Erfolgsroman „Der vierzehnte Stein“ in Händen. Lange Zeit glaubte ich, dass dieser Tiefpunkt des Krimigenres nicht zu toppen sei. Nun bin ich eines Besseren belehrt worden.

Da kommt jemand zu Tode. Allerdings so, dass es wie ein Unfall aussieht. Niemand würde sich darum kümmern, und der seltsame Kommissar in dieser Geschichte schon gar nicht, denn der ist eh damit befasst, im eingebildeten Sumpf seiner eigenen Seelenlage herum zu stolpern und möchte den ganzen Kram hinschmeißen. Nicht originell, klar, das kennt man. Aber vielleicht ist doch die Frage erlaubt, warum eigentlich alle Antriebsarmen, alle Depressiven, alle Verkorksten, Zweifelnden, Unzufriedenen, Geschiedenen, alle, die bei der Erziehung ihrer Kinder etwas versäumt haben, alle Einsamen, schlecht Ernährten, Schlaflosen, alle schlechten Väter, Söhne und was weiß ich verdammt noch mal, warum die alle Kommissare sein müssen? Verlangen das die Leser?

Zurück zur Geschichte, wenn man das Wort für das dürftige Konstrukt, das ich da gelesen habe, überhaupt benutzen will. Der Kommissar wird dann natürlich wider Willen doch in die Ermittlungen involviert, nämlich dadurch, dass, wenn man es vom Ende her betrachtet, ein völlig unnötiger zweiter Mord passiert. Diesmal ist es wirklich einer, denn niemand kann es für einen Unfall halten, wenn jemand in seinem Büro erschossen wird. Der zweite Tote ist der Sohn des ersten Toten. Und nun sagt sich unser behinderter Kommissar, der seltsamer Weise auch noch ein Freund des zweiten Toten war, dass er das jetzt doch unbedingt aufklären muss. Im Grunde könnte man schon hier abwinken und das Buch weglegen, denn die Glaubwürdigkeit des ganzen Konstruktes, das hier angeboten wird, ist so dürftig, dass es fast weh tut. Aber bekanntlich werden ja die offensichtlichsten Dinge nie getan. Also fängt nun die Ermittlung an. Na gut, wenn es denn wenigstens eine wäre.

Stopp! Es werden noch zwei weitere Taten verübt, bevor unser Kommissar dann so richtig aktiv wird. Beide führen jedoch nicht zum Erfolg. Die erste ist gegen die Sekretärin der beiden Toten gerichtet. Und die zweite gegen den Kommissar selbst. Wenn man fragt, warum all das passiert, dann stellt sich am Ende heraus, dass es dafür gar kein echtes Motiv gab. Es geschah lediglich deshalb, weil der Täter nicht wissen konnte, ob die betreffenden Personen etwas gewusst haben. Er hat sie also nur vorsichtshalber getötet bzw. zu töten versucht. Na ja, kann man natürlich machen. Aber warum?

Nun gut, es haut also von Anfang an alles nicht richtig hin. Aber das würde man als echter Krimifan, der an Fred Vargas und Konsorten geschult ist, natürlich verschmerzen. Wenn, ja wenn da nun tatsächlich irgendwas passieren würde. Wenn also die Polizei ermitteln würde, wenn sich der Verdacht verdichten würde, wenn irgendjemand in Gefahr wäre, wenn etwas auf dem Spiel stehen würde. Aber das ist im Grunde überhaupt nicht der Fall. Nachdem die oben geschilderte Ausgangssituation etabliert ist, und das ist so ab Seite 80 bis 100 restlos passiert, erwartet den Leser nämlich … was? Nun ja, schlicht gesagt, nichts mehr! Und dieses Nichts erstreckt sich mindestens über die nächsten 200 Seiten. Ungelogen! Da wird angeblich ermittelt, ohne dass dabei etwas heraus kommt und ohne dass dem Leser überhaupt mitgeteilt wird, was da genau untersucht wird. Da wird behauptet, dass die Polizei angestrengt arbeite, ohne dass man wüsste wie und warum. Da werden immer wieder Konferenzen der Ermittler abgehalten, in denen nichts zu konferieren ist, oder wenn doch, dann etwas, was der Leser längst weiß und das überdies natürlich nicht weiter führt. Es ist entsetzlich, es ist quälend, und dass als Ersatz für die fehlende Handlung das beschädigte Seelenleben des Kommissars ausreichend sei, das kann der Autor unmöglich angenommen haben.

Okay, kommen wir zum Schluss. Das ist ja das Schöne am Krimigenre, gell. Es gibt immer einen Schluss und da muss dann alles raus. Wenn man sich also über 300 Seiten durch die ereignislose Landschaft dieses Krimis geschleppt und dabei erlebt hat, dass absolut alles, was unser Kommissar versucht, ergebnislos bleibt bzw. sich katastrophal auswirkt, dann kommt der Schluss. Er kommt so blödsinnig und überflüssig, wie man es nur erwarten kann. Wie? Na ja, der Bösewicht gibt halt alles zu! Hätten Sie jetzt nicht gedacht, oder? Natürlich ist der Bösewicht von allem Anfang an bekannt. Es gibt nie einen Zweifel daran. Und selbstverständlich ist der Bösewicht ganz archetypisch böse. Er tut etwas wirklich ganz ganz Schlimmes und ist unglaublich erfolgreich damit. Er handelt mit Organen von Menschen und findet nichts dabei, dass diese Menschen zuvor getötet werden müssen, damit man … na, Sie wissen schon. Und er lächelt sogar dabei. Was tut unser Kommissar nun, um diesen Bösewicht zu stellen? Er weiß nicht, was er tun soll. Unser Kommissar weiß sowieso ziemlich wenig. Er weiß noch nicht mal genau, was der Böse Böses getan hat. Er vermutet es nur. Was tut er also, als der Autor die Auflösung nicht mehr hinauszögern kann? Er dringt in das Schloss des Bösewichts ein. Ja, tut mir echt leid, aber der Bösewicht lebt wirklich in einem dunklen Schloss. Da dringt er ein, indem er eine Frau, die an einem Pullover strickt, überwältigt. Um was zu finden? Das weiß er nicht. Braucht er im Grunde auch nicht zu wissen, denn er lässt sich irgendwas über dem Kopf hauen, wird besinnungslos und sitzt dann nach dem Aufwachen dem Bösewicht gegenüber, um ihm zu sagen, ich ermittele gegen Sie.

Tja, das hätte man nicht gedacht, was? Und was sagt jetzt der Bösewicht? Der hört sich lächelnd alle Vorwürfe an und sagt dann doch tatsächlich, dass er alles zugibt. Ja, natürlich, alles klar, die Morde, die hat er befohlen. Ein langweiligeres Showdown habe ich niemals gelesen. Jetzt muss unser cleverer Kommissar nur noch die Flucht des Bösewichts verhinden. Danach ist Weihnachten, der Kommissar kauft sich einen Weihnachtsbaum und bekommt Besuch von seiner Freundin. Das gönnen wir ihm.

Sonst noch was? Nö – echt nich! Ach doch, Sie wollen wissen, wer es war? Oder? Natürlich Henning Mankell und „Der Mann, der lächelte“. Bitte kaufen Sie es nicht. Sonst vergeht Ihnen das selbige.

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