Ein faszinierendes Spiel mit Identitäten

Alban Nikolai Herbsts Novelle „Isabella Maria Vergana“

Bitte begehen Sie jetzt keinen Irrtum. So
wirklich meine Erinnerungen an damals
sind und so wenig ich sie als meine eigenen
leugnen kann, so sicher ist, ich kann mich nur
wiederholen, daß ich, Alban Nikolai Herbst,
niemals in Venezuela gewesen bin.

 Wenn ein Autor konsequent sein eigens Leben fiktionalisiert, wenn ihm noch das scheinbar Alltägliche zur Literatur wird, dann kommt unweigerlich der Moment, in dem ihm auch die Fiktion im eigenen Leben begegnen muss.

Alban Nikolai Herbst, Autor und Ich-Erzähler der hinreißend erotischen Novelle „Isabella Maria Vergana“ passiert genau das. Er trifft ihn Linz, am Rande eines Autorentreffens, nachdem er gewissermaßen durch den den trunkenen Gott Dionysos in die Anderswelt geführt worden ist, die Sängerin Vergana, von der ihm schrittweise bewusst wird, dass er sie lange schon kennt, dass er sie erstmals gar in ihrer Kindheit traf, auf einer Südamerikareise, von der er aber mit ebensolcher Gewissheit sagen kann, dass er diese Reise niemals gemacht hat.

Wieder fühlt er sich magisch von ihr angezogen und lässt sich in ihren Bann ziehen, bis ihm klar wird, dass sie ihm seit Jahren mit einer Art Besessenheit folgt und von ihm die Erfüllung eines Versprechens einfordert, das er gemacht hat und doch zugleich niemals gemacht haben kann.

Wie einen ‚Tulku‘, ein Geistwesen, das allerdings in Gestalt der ‚Vergana‘ nur allzu körperlich in sein Leben tritt, hat der Autor Herbst, der doch eigentlich „nichts anderes tun will, als seine Geschichten erzählen“, hier eine Gestalt geschaffen, die ihn nicht mehr entkommen lassen will. Dass er ihr am Ende doch entkommen ist, behauptet die Novelle zwar, doch dem Leser will scheinen, als müsse das erst die Zukunft zeigen.

Herbsts Novelle „Isabella Maria Vergana“ ist e
ine Geschichte, die der vermeintlichen Sicherheit der eigenen Identität den Boden unter den Füßen wegzieht und den Leser im wahrsten Sinne des Wortes mit der Rimbaudschen Erkenntnis konfrontiert „Ich ist ein anderer.“ Ein Buch für all diejenigen Leser, die einen Blick hinter die wechselnden Masken der sogenannten Realität nicht fürchten.

Alban Nikolai Herbst: „Isabella Maria Vergana“, Phantastische Novelle, Verlag DieDschungel in der Kindle Edition, Euro 4,50