Zu Einar Schleefs Erzählungen und Fotografien »Ich habe kein Deutschland gefunden«

von Peter H. Gogolin

 

Im Jahre 1966 stand ich auf einer Brücke vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof und fragte eine gepflegte alte Dame, die mir kaum bis zur Brust reichte, nach dem Weg. Als Antwort erhielt ich eine derart wüste Beschimpfung, dass ich am ganzen Körper zu zittern begann und mich innerlich bis auf die Knochen erschüttert fühlte. Wie ich nur langsam begriff, war diese Beschimpfung dem Umstand geschuldet, dass ich von ihr als Deutscher erkannt worden war. Es muss viele lange Minuten gedauert haben, und als ich mich endlich mit tausend Entschuldigungen, die nicht akzeptiert wurden, von ihr zu trennen vermochte, da war mir das Deutschland, aus dem ich kam und das ich so unreflektiert mit mir und in mir getragen hatte, abhanden gekommen. Ich blickte plötzlich mit einem solchen Zweifel auf mich selbst, meine Herkunft und meine Sprache, ja, auch und vor allem auf meine Sprache, dass ich nach der Reise als ein völlig anderer zurückkehrte. Die Brücke, auf der ich damals der schimpfenden Dame begegnete, ist längst in einem Chaos von Baustellen, mit der die Amsterdamer ihre Stadt um und umgraben, untergegangen, doch kommt es mir vor, als könne ich den Ort noch immer auf den Meter genau finden. Und geblieben bin ich, was ihre Konfrontation aus mir gemacht hat, jemand, der jegliche national begründete Identität für sich ablehnt und auf Deutschland mitunter immer noch wie auf einen Verdächtigen schaut.

»1966, Amsterdam, Centraal Station«, das war der Beginn meines bewussten Schreibens. Wirkliche Ereignisse sind für mich, wie dieses, immer konkret und persönlich. Das Allgemeine, Kollektive, gegen das mich die alte Dame damals immunisiert hat, rutscht zu leicht ins Delirium und zur Psychose. Es mag die muffige Wärme der Gemeinschaft spenden, dem Denken freilich ist es nicht förderlich.

Zudem glaubt es sich stets auf der Gewinnerseite; heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt, das brüllt man als Einzelner nicht mal im Suff. Verliert man hingegen sein Land oder seine Heimat, wie es gegenwärtig auf dem Globus täglich tausendfach geschieht, so mag das Phänomen zwar ein massenhaftes sein, erleben und wenn möglich bestehen muss es jeder Betroffene jedoch für sich selbst.

Dies trat mir mehr oder minder deutlich wieder vor Augen, als ich während der Leipziger Buchmesse die Präsentation von Einar Schleefs Buch »Ich habe kein Deutschland gefunden« erlebte, worin Fotografien zur Berliner Mauer sowie Erzählungen versammelt sind, die auf vielfältige Weise in immer neuen Ansätzen das Thema des Heimatverlustes umkreisen. Der Herausgeber Jörg Aufenanger, der auch ein informatives und sehr persönlich gehaltenes Nachwort beisteuert, hat den großformatigen Band aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste zusammengestellt.

Man muss nicht unbedingt der Ansicht des Herausgebers folgen, der den 2001 verstorbenen Schriftsteller, Maler, Fotografen, Theatermacher, Regisseur, Bühnenbildner, Grafiker und Schauspieler Einar Schleef als einen der zwei Genies bezeichnet, die ihm bisher begegnet sind. Schleefs Werk ist auch ohne dieses Etikett hinreichend beeindruckend. Ja, ich neige sogar dazu, in ihm in erster Linie einen Autor zu sehen, einen Autor, der es zudem verdient gehabt hätte, seine Arbeitskraft weit stärker als es ihm möglich war, auf das Schreiben zu konzentrieren, statt sich in der Theaterarbeit aufzureiben und mit knapp 57 Jahren an einer Herzkrankheit zu sterben. Das Theater, dieser menschenfressende Apparat zur Erzeugung von Illusionen, die uns das Leben begreiflich machen sollen, kennt freilich viele solcher Schicksale. Und es ist sicher kein Zufall, dass die von Jörg Aufenanger erstellte Auswahl der Schleefschen Prosa mit dem Text »Letzter Monat« endet, in dem Schleef schreibt: »… bin jetzt schon der Verlierer, da lähmt mich die Müdigkeit, zu zerrissen, zu unorganisiert, allein in meinen schriftlichen Arbeiten finde ich Ruhe, so etwas wie die einzige Tätigkeit, der ich Sinn zugestehe, die ich genauso verrate wie alles andere …«

Das Deutschland, von dem der Titel des Buches spricht, hat Schleef gleich auf zweifache Weise nicht gefunden. Nicht im Osten und nicht im Westen der Mauer. Und auch das Deutschland nach dem Mauerfall ließ ihn nicht heimkehren. »Seit die Mauer gefallen ist, verwechsle ich alles«, beschreibt er selbst seinen Zustand.

Aber alles hatte natürlich schon viel früher begonnen. Wäre es nach seinen Eltern gegangen, so hätte der 1944 im sächsischen Sangerhausen geborene Schleef bereits mit 17 Jahren erstmals die Heimat verloren. Der Vater, der den Bau der Berliner Mauer, der im August 1961 erfolgen sollte, vorher sah, hatte versucht, den Sohn nach Westberlin zu bringen, wo er angeblich wegen seines Stotterns, das sich nach einem schweren Unfall im Jahr zuvor bei Einar eingestellt hatte, behandelt werden sollte. Schleef hat diesen Versuch einer Abschiebung in dem Erinnerungstext »Halt auf freier Strecke« festgehalten, mit dem der Band beginnt. Er schreibt:

»Meine zahlreichen Beschreibungen desselben Vorgangs vermögen meine Erinnerung nicht zu beleben, geben nichts preis, nicht einmal, ob es tatsächlich Sommer 61 war, aber die Daten passen, das Warten meines Vaters, als wir wieder zu Hause sind, sein Hocken vorm Radio: Das können, das dürfen die nicht machen, Berlin wird nicht eingekreist, das läßt der Ami nicht zu! Und weitere Kommentare, womit mein Vater … mir später die Schuld gab, daß der 13. August Realität ist, denn mich, das hätte man mir damals nicht gesagt, wollte man loswerden, geschickt bei dieser Familie in den Ferien unterbringen, womit zunächst Sattessen gemeint war, Mutter klärte mich später auf, bei Wasser und Brot ab in den Keller, doch … denen warst du ein zu großes Risiko, so Mutter, die sich in heillosen Verwünschungen erging, daß dieser Staat dichtgemacht hatte.«

Hier schreibt sich das Trauma des Mauerbaus, das ihn nie mehr loslassen sollte, in Einar Schleef ein. Der vorliegende Band zeigt mit Schleefs eindrucksvollen schwarzweiß Fotos und den über 30 ausgewählten Erzähltexten, dass die Mauer ein beständiger Bezugspunkt für ihn geworden war, den er auf geradezu obsessive Weise umkreiste und in Fluchtträume hinein steigerte, in denen er sich seine eigene Erschießung imaginierte. »Ich fühle den Schuss in mir … die Schläfe öffnet sich, mein Blut läuft mir über die Brust, ich kippe mir selbst entgegen.«

Dem Irrtum, sich mit dem DDR-Regiem arrangieren zu können, wie es manche seine Kollegen taten, verfiel er nicht. »Wie völlig bekloppt«, schrieb er in dem Text »Novemberberlin«, der aus den letzten von Schleef geführten Tagebüchern stammt, »müssen Künstler sein, darunter Heym wortführend, waren die nie in einem Betrieb, hatten die nur Parteiabzeichen auf den Guckern.«

Wer annehmen wollte, dass sich diese obsessive Perspektive halt dem Blick aus dem Osten verdankt, irrt, denn auch nachdem Schleef Mitte der 70ger Jahre während einer Inszenierung am Wiener Burgtheater beschlossen hatte, im Westen zu bleiben und sich der Mauer nun von der anderen Seite her näherte, sah er sich von den Vopos auf ihren Wachtürmen durchs Zielfernrohr beobachtet und ins Visier genommen. Und ein Deutschland fand er auch im Westen nicht, doch ist kaum anzunehmen, dass er dies tatsächlich noch gehofft haben sollte. Es hätte ja ein ganz anderes sein müssen, eines, das kaum zu denken war. Ein Deutschland als Utopie, das nur an dem für Utopien üblichen Nichtort hätte gefunden werden können.

So etwas wie Heimatersatz gab es allenfalls in seiner Kunst, im Schreiben und vor allem in seiner Theaterarbeit. Seine Texte zeigen aber auch, dass selbst das Schreiben immer wieder erkämpft werden musste, wobei Schleef oft genug unterlag. »Ich bringe die Härte nicht auf, jeden Tag zu schreiben, … es ist mir klar, was ich mir mit dieser Lauheit einbrocke.«

Für uns, die wir diese atemlos verfassten Texte heute, zehn Jahre nach Schleefs viel zu frühem Tod und mehr als zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, lesen dürfen, öffnet der Autor einen Blick auf die Vergangenheit, die zu erschrecken vermag. Ja, die uns erschrecken sollte, denn genau so, wie Einar Schleef es in seiner wie gehetzt wirkenden Sprache festgehalten hat, ist es gewesen. Er, der kein Deutschland fand, hat uns damit am Ende doch ein Deutschland widergespiegelt, das noch heute gültig ist.

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