Einer der erfolgreichsten russischen Autor der Gegenwart dürfte wohl Sergej Lukianenko sein, der mit dem Roman „Wächter der Nacht“ einen Millionen-Bestseller geschrieben hat. Die Nachfolgebände sind nicht minder erfolgreich, und der Film, für den mit der Behauptung geworben wurde, er sei so etwas wie der Herr der Ringe und Matrix in einem, spielte ebenfalls eine Menge Geld ein.

„Wächter der Nacht“ ist ein Buch, in dem Vampire, Gestaltwandler, Tiermenschen, Hexen und Magier ihr Unwesen treiben, was es freilich noch nicht sonderlich bemerkenswert machen dürfte. Bemerkenswert wird es vielmehr dadurch, dass das, was in anderen Werken dieses Genres in der Regel nur als latente Bedrohung anwesend ist und dann natürlich stets in letzter Sekunde erfolgreich abgewehrt werden kann, bei Lukianenko längst Alltagsrealität geworden ist.

Will sagen, natürlich sind die Menschen, ist die Welt, längst in den Händen der dunklen Kräfte, wird von Vampiren ausgesaugt und anderweitig zu Tode gebracht. Für die dunklen Kräfte dieser Welt sind die Normalmenschen bei Lukianenko lediglich Nahrung, Futter, Fressen, während die andere Seite, die Kräfte des Lichts, so schwach ist, dass sie kaum mehr vermag, als ein ständig gefährdetes Gleichgewicht mühsam aufrecht zu erhalten, wozu auch gehört, dass regelmäßig mit den Dunklen vereinbart wird, wen und wieviele von der unwissenden Menschenherde sie pro Jahr erlaubterweise schlachten dürfen.

Der enorme Erfolg solch simpler Welterklärung zeigt, dass der Autor damit einem Grundgefühl der gegenwärtigen russischen Gesellschaft Ausdruck gibt. Und die Ironie an der Sache besteht natürlich darin, dass der Autor mit seiner Deutung der gesellschaftlichen Verhältnisse die tätsächliche Situation noch verharmlost und schönfärbt. Denn das heillose Ausgeliefertsein wird bei Lukianenko schließlich eingeschränkt und kontrolliert.

Ja, die Vampire saugen uns aus, zugegeben, aber nur wenn wir das Pech hatten, auf die amtliche Liste der zu Opfernden zu geraten. Vampire, die hingegen ohne amtliche Erlaubnis ihrem Blutdurst stillen, die werden gejagt und bestraft, meist mit dem Tode. Schön wär’s ja! Aber na gut, Literatur muss selbstverständlich auch trösten können. Wer würde sie sonst kaufen.

 

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