Denis Johnson: Ein Kandidat für den deutschen Krimipreis


Von Peter H. Gogolin

Dem Kalender ist nie etwas anzusehen. Auch der Tag des Todes wird vermutlich ebenso unauffällig wie jeder andere beginnen; sinnlos, darüber zu jammern. Und wäre Jimmy Luntz, Kleinkrimineller und Protagonist von Denis Johnsons neuem Roman »Keine Bewegung«, nicht zu allem Überfluss auch noch ein ausgemachter Pechvogel, so wäre möglicherweise gar nichts geschehen. Vielleicht hätte es das Schicksal dabei belassen, dass er gerade wieder mal nur auf Platz siebzehn von zwanzig möglichen gelandet ist. Aber soviel Glück hat Jimmy nicht. Und so läuft er prompt dem Gangster Gambol in die Arme, der extra gekommen ist, um Jimmys Spielschulden einzutreiben bzw. ihm ersatzweise die Beine zu brechen. Tja, Pech, aber Jimmy jammert nicht, er versucht stattdessen zu retten, was zu retten ist, so hat er es immer gehalten. Also schießt er zuerst und zwar in Gambols Bein, danach flüchtet er mit dessen Auto. Dass der Fall damit nicht ausgestanden ist, versteht sich selbst für Jimmy, dem manchmal der Überblick fehlt, von selbst.

Der 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geborene Denis Johnson passt nicht so recht in die Phalanx der gegenwärtig auf dem deutschen Buchmarkt leicht und flüssig zu vermarktenden amerikanischen Autoren; von Franzen über Foer zu Powers und anderen. Letzterer gab übrigens im schweizerischen Musikdorf Ernen gemeinsam mit Donna Leon, Sie wissen, das ist die Dame, die durch Venedig läuft und ständig glaubt, dass sie nicht erkannt wird, im letzten Jahr einen teuren Autorenworkshop zu dem überraschenden Thema »Erste Sätze«. Nun ja, wir wissen doch alle, wie wichtig die sind. Denis Johnson ist für solche glatten Schreibseminare, die von älteren Damen mit lyrischem Durchfall gebucht zu werden pflegen, sicher zu rauh.

Das deutsche Vorwort zu seiner unglaublich dichten und wahrhaftigen Reportagen-Sammlung »In der Hölle – Blicke in den Abgrund der Welt«, die 2006 beim Tropen Verlag, Berlin erschienen ist, bezeichnet Johnson als hoffnungslosen Trinker, der mit 20 an der Universität von Iowa einen Kurs für kreatives Schreiben belegte. Und dies ausgerechnet bei dem damals noch völlig unbekannten aber bereits ebenso hoffnungslosen Trinker Raymond Carver. So mancher heutiger Autor beneidet ihn darum, denn das Erzählen ausgerechnet bei Carver gelernt zu haben, das ist schon eine große Adresse.

Carver ist 1988 im Alter von nur 50 Jahren gestorben, Denis Johnson lebt noch, obwohl er wegen seiner Alkoholsucht mehrfach in psychiatrische Kliniken eingeliefert wurde. Wenn man das Johnsonsche Werk etwas kennt, so erscheint einem der Weg in den Alkohol zwar einigermaßen folgerichtig, aber im Gegensatz zu Carver ist dann doch die fast spöttische Leichtigkeit bemerkenswert, mit der Johnson seinen Stoff entwickelt. Der lakonische Minimalismus Carvers mag auch bei Denis Johnson immer wieder aufscheinen, doch wird die virtuose Leichtigkeit seiner knappen Beschreibungen und Dialoge immer bezeichnend für seine Arbeit bleiben. Angesichts seiner oft schwer verdaulichen Themen ist dies besonders bemerkenswert. Selbst der eher moderate Klaus Modick nennt Denis Johnsons großformatigen Vietnam-Roman »Ein gerader Rauch« in einem Promotions-Artikel des Verlages eine Reise in eine Hölle auf Erden. Der Roman um den Kleinganoven Jimmy Luntz ist davon die fast spielerisch gestaltete Parabel. Natürlich ist auch bei Jimmys undurchsichtigen Operationen die irdische Hölle immer nahe, denn mit der Flucht vor dem angeschossenen Gambol und seinem Boss beginnt eine rasante Schussfahrt in bester Pulp Fiction Manier, die ihn zuerst in die Arme der attraktiven Anita treibt, die zwar in sexueller Hinsicht eine gewisse Hilfe ist, letztlich Jimmys Problem aber nur verschärft. Schließlich ist sexy Anita selbst auf der Flucht, da sie gemeinsam mit ihrem Ex-Ehemann, einem Staatsanwalt, sowie einem korrupten Richter zwei Millionen Dollar unterschlagen hat und dann von den beiden Ehrenmännern reingelegt worden ist.

So erlebt der Leser die Geschichte zweier Verlierer, die naturgemäß beide bis zum bitteren Ende immer noch der Überzeugung sind, die entscheidende Karte, die alles wendet, im Ärmel zu haben. Wie das geschieht und vor allem wie Jimmy Luntz gegen Ende gar in letzter Minute der drohenden Kastration entgeht, bei der ihm zugedacht war, beim Verspeisen seiner Kronjuwelen persönlich zuzuschauen, das lesen Sie am besten selbst.

Das alles hat natürlich nichts von dem beängstigenden Ernst, mit dem gewöhnlich in der deutschen Krimi-Provinz gemordet und Geschichten erzählt werden, denn Denis Johnsons Roman ist eine waghalsige Genre-Parodie, die nach allen Regeln der Kunst sogar sich selbst durch den Kakao zieht. Oder wie Jimmy Luntz sagt »Ist mir egal, wenn das kitschig klingt. Dann ist es eben wahrer Kitsch.« Ich würde Denis Johnsons Roman gerade für diesen „wahren Kitsch“ den deutschen Krimi-Preis geben. Aber vermutlich hört mal wieder niemand auf mich.

Erstveröffentlichung: Glanz + Elend – Magazin für Literatur und Zeitkritik

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