Anmerkungen zu Pounds THRENOS

THRENOS, den Titel des ersten Gedichtes aus Ezra Pounds Sammlung PERSONAE übersetzt Eva Hesse, die deutsche Urmutter der Pound-Übersetzung nicht, was ich umso unverständlicher finde, als sie den Titel der ganzen Sammlung sehr wohl übersetzt und zu PERSONAE, nur durch einen Spiegelstrich getrennt, MASKEN hinzusetzt. Dabei wäre in diesem Fall auf einen Rest von Allgemeinbildung beim Leser viel eher zu vertrauen gewesen, als im Falle des griechischen THRENOS, das dem Gedicht recht eigentlich erst das Verständnis sichern kann.

Wie auch Wikipedia weiß, war Threnos (θρῆνος) oder Threnodie im antiken Griechenland ein Trauer- oder Klagelied über den Tod eines geliebten Wesens, das bei der Ausstellung der Leichen und dem Leichenbegängnis gesungen wurde.

Wir stehen hier also vor einer aufgebahrten Toten, der der Dichter sein Klagelied anstimmt. Daher auch der unübersehbar akklamative Charakter des fünffachen Lo the fair dead, mit dem Pound das Gedicht gliedert.

Lo ist eine Interjektion, ein Ausrufewort, das Eva Hesse in ihrer Fassung des Gedichtes durchgehend fortlässt bzw. auf das Ausrufungszeichen reduziert. Wenn Pound das gewollt hätte, so hätte er sich das Lo sparen können. Hat er aber nicht. Lo heißt soviel wie: siehe! seht! schau! schaut her (oder) hin! Ich habe mich für verpflichtet gehalten, diese von Pound so prägnant gewählte Anrufung zu erhalten.

torrent: In der vierten Zeile v.u. heißt es bei Pound ‚No more the torrent‚, was E.H. mit ‚Nicht mehr der Sturzbach‘ überträgt. Das hat, man sehe es mir nach, bei mir immer zum Gelächter geführt, da ich mir vorzustellen versuchte, was für ein seltsamer ‚Sturzbach‘, da wohl zwischen den beiden Liebenden stattgefunden haben mag. Gut, nun heißt ‚torrent‘ zwar auch soviel wie reißender Bach oder Strom, Flut oder Schwall. A torrent of words wäre ein Redestrom, ein Geschwätz, aber dass der Klagende in diesem Trauerlied ausgerechnet einen Sturzbach vermissen sollte, das glaube ich nimmer. Es heißt eben auch ungestüm, überwältigend, strömend. Und da es hier um die Gefühle zweier Personen geht, die nicht mehr zu einander kommen können, so übersetze ich den reißenden Strom dieser Gefühle mit ‚Hingerissensein‘ – Kein Hingerissensein (mehr für uns).

– Tintagoel: Eine abschließe Erläuterung zu diesem seltsamen Wort, mit dem das Gedicht schließt: Tintagoel oder Tintagel war, the castle from which „some say“, Iseult’s husband Mark ruled as king.“ Wörtlich übersetzt hat Tintagel die Bedeutung „Festung des schmalen Zugangs. (Ein Schelm, der etwas Erotisches dabei denkt? Vielleicht.). In der Tristan-Sage ist Tintagel die Burg König Markes.

Nach Geoffrey von Monmouths ‚History of the Kings of Britain‘ (1135-1138) fand auf der Burg Tintagel die Zeugung von König Artus statt. In den Tagen des Uther Pendragon gehörte Tintagel dem Herzog von Cornwall, Gorlois. Gorlois versteckte auf Tintagel seine Frau Igraine, die Uther für sich beanspruchte. Um sich Igraine unbemerkt nähern zu können, verlieh Merlin ihm das Aussehen des Herzogs. So empfing Igraine den späteren König Artus.