Die rechte Hand, in einem Traum – und Annie Ernaux

Samstag, 18. Mai 2019, bei Mozarts ‚Lucio Silla‘, Liveaufnahme aus dem Théatre Royal de la Monnaie, Brüssel, unter Sylvain Cambreling

Der frühe Morgen schenkt mir einen frischen, sonnigen Tag, vor der offenen Tür glitzern die Spinnweben, die kreuz und quer durch die Luft gespannt sind, wie im Herbst. So könnten sich die Lichtjahre fernen Reisewege intergalaktischer Zivilisationen durch das bodenlose All spannen.

Natürlich bin ich wieder viel zu früh erwacht und sitze noch in der Nachtwäsche, da ich es unnötig finde, mich schon jetzt anzuziehen; was allerdings auch damit zu tun hat, dass das Anziehen unweigerlich zu einer anstrengenden Arbeit ausartet und viel zu lange dauert. Naja, die kleinen Probleme des Gelähmten, lassen wir das.

Allerdings tauchte gegen Morgen meine rechte Hand in einem Traum auf. Ich stand irgendwo vor einer Kino- oder Theaterkasse und wollte wohl bezahlen, auf jeden Fall reichte ich einen Geldschein von meiner linken in meine rechte Hand (Naheinstellung auf rechte Hand) und stellte dabei fest, dass sie nichts tat, den Geldschein nicht annahm, sich gar nicht rührte. Und genau in diesem Moment dachte ich im Traum, ach ja, sie ist doch gelähmt. Dann erwachte ich, es war acht Minuten nach fünf. Natürlich gefällt mir der Traum gar nicht, denn es bedeutet ja, dass die Tatsache der Lähmung inzwischen auch auf der Ebene des Unterbewusstseins angekommen ist und akzeptiert wird. Lieber wäre mir ein gegenteiliger Traum gewesen, sodass ich sagen könnte, im Traum ist meine Hand noch ganz gesund. Aber solch eine Tröstung ist nicht zu haben.

Gestern las ich zwischendurch in zwei, drei Stunden das beeindruckende Buch „Das Leben einer Frau“ von Annie Ernaux. Ich war auf die Autorin durch meine Lektüre von Didier Eribon (‚Rückkehr nach Reims‘ und ‚Gesellschaft als Urteil‘) aufmerksam geworden. Ich schaute im Netz, fand „Die Jahre“, ihre Autobiografie, bestellte es und entdeckte erst danach in der eigenen Bibliothek, dass die Autorin bei uns schon heimisch ist. „Das Leben einer Frau“ ist ein schmales Werk von kaum 100 Seiten, in dem sie den Tod und das Leben ihrer Mutter berichtet, ich schreibe bewusst nicht ‚erzählt‘. Es gelingt ihr dabei etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte, denn Annie Ernaux‘ Porträt der Mutter geht weit über das Persönliche hinaus. Sie lässt vor dem Leser vielmehr die soziale Situation, die das Leben ihrer Eltern erst verständlich macht, entstehen, zeigt die gesellschaftlichen Antriebe, von denen selbst die scheinbar subjektivsten Kleinigkeiten im Denken und Verhalten ihrer Mutter geprägt waren. Sie zeigt tatsächlich die Gesellschaft als Urteil (wie Eribon seinen Nachfolgeband zu ‚Rückkehr nach Reims‘ nennt), zeigt es am Beispiel des Lebens und Sterbens ihrer Mutter. Das ist ungeheuerlich. Das ist ganz groß. Lesen Sie! Wenn Sie sich die kleine Mühe machen, diese 100 Seiten zu lesen, haben Sie am Ende mehr vom 20. Jahrhundert begriffen, als sie je erwarten konnten zu begreifen. Lesen Sie!

So, jetzt doch erstmal anziehen und frühstücken.
Bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen PHG