Was man auf den Schultern trägt

Sonntag, 5. Mai 2019, bei Mozarts ‚La Finta Semplice‘

In der Nacht auf Samstag träumte ich gegen Morgen, dass ich im Rollstuhl durch wechselnde Räume fuhr und dabei plötzlich bemerkte, dass ich nicht allein war; auf meinen Schultern stand jemand. Ich erkannte nicht, wer es war, hatte aber den Eindruck, dass es ein Mann sein musste. Ansonsten machte es mir im Traum nicht viel aus, dass da dieser Mitreisende auf meinen Schultern stand, von dem ich nur die Beine zu erkennen vermochte, etwa bis zu den Knien, wenn ich den Kopf seitwärts wandte. Ich warnte ihn sogar, dass es eng werden könnte, wenn ich denn Rollstuhl durch einen Türrahmen bugsierte u.ä..

Als ich erwachte, stand mir der Traum noch sehr eindrücklich vor Augen, und ich fragte mich sofort, wer es gewesen sein mochte, der da auf meinen Schultern stand. Aber ich fand sogleich, dass das eine überflüssige Frage sein, denn schließlich hatten ja im Grunde ausnahmslos alle auf meinen Schultern gestanden und sich von mir befördern und behüten lassen.

Angefangen bei meinen Geschwistern, die ich als ältestes Kind quasi alle großgezogen hatte, um meine Mutter zu entlasten; ständig trug ich einen von diesen kleinen Scheißern mit mir herum, als seien sie mir an den Körper gewachsen. Dann meine eigenen Kinder, die mich bis zu meinem wirtschaftlichen Zusammenbruch ausgenutzt hatten. Als ich meinen jüngsten Sohn darauf hinwies, dass er sich nacheinander drei verschiedene Berufsausbildungen von mir habe bezahlen lassen, da sagte er nur „Na und, das war nur gerecht, du warst ja nie da.“

Und vor allem hatte über Jahrzehnte die schier endlose Reihe meiner Schreibschüler sich von mir transportieren lassen. Wie viele Leute ich Tag für Tag ausgebildet, ewig neu motiviert, mit Ideen versorgt, vor Fehlern bewahrt, aus Depressionen herausgeholt und auf den Weg zur Veröffentlichung gebracht hatte, kann ich gar nicht zählen. Und natürlich vergaßen mich gleich darauf – mit wenigen Ausnahmen – alle, wenn ihre Bücher veröffentlicht waren, weil sie sonst vor sich selbst nicht behaupten konnten, dass das Buch ganz allein von Ihnen sei; die schlechtesten zuerst.

Nun gut, nicht gedacht soll ihrer werden. Und nicht meines Traumes. Die Frage, wer da auf meinen Schultern gestanden hatte, während von mir nur noch ein Rest im Rollstuhl übrig war, beantwortete sich auf geradezu lächerlich einfache Weise.

Dachte ich zumindest. Bis ich meiner Liebsten davon erzählte. Sie schaute mich an und sagte ohne zu zögern: „Toll! Ein sehr positiver Traum. Er zeigt, dass Du dich geistig über dein Körper-Selbst im Rollstuhl erhebst und weiter blickst. Der da auf deinen Schultern steht, das bist ganz allein du selbst.“

Da war ich platt, aber ich stimmte ihr nach kurzem Zögern zu. Es ist die einzige Deutung des Traums, die mich weiter bringt. Meine eigene würde mich, hielte ich daran fest, nur unglücklich machen. Und das wäre niemand, der da auf meinen Schultern gestanden hatte, wert.

Träumen Sie gut und
bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen PHG