Versuch über den verlorenen Tag

Montag, 1. Juli 2019, bei Skrjabins Konzert für Klavier und Orchester fis-Moll, op. 20 mit Daniil Trifonov und den Berlinern unter Andris Nelsons

Eben beginnt es zögernd zu regnen, angesichts der Hitze der letzten Tage zwar eine Hoffnung, doch mehr auch nicht, man wäre schon froh, wenn es sich nicht als Täuschung herausstellt.

Zu Jahresbeginn, noch vor meinem Schlaganfall, hatte ich einen kleinen Essay geschrieben – den Versuch über den verlorenen Tag -, so in aller Eile und gewissermaßen zwischendurch, nämlich indem ich den Morgen vor dem Frühstück nutzte, Arbeitspausen aller Art dazu und vor allem, um den Aufwand des Einstiegs möglichst niedrig zu halten, mit der Hand in ein Notizheft, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Immer nur auf die rechte Seite, da ich die linke für Notizen, Ergänzungen und Korrekturen frei ließ. Es ist das letzte Notizheft geworden, das ich wohl geschrieben habe. Das Schreiben mit der mir verbliebenen linken Hand praktiziere ich zwar mitunter aus Notwendigkeit, doch ist das für einen sinnvollen größeren Text aussichtslos; und ob meine gelähmte Rechte jemals wieder schreiben wird, das weiß …

Dieses Heft habe ich nun vor zwei Wochen abzutippen begonnen, denn ich will den Text nicht in der Handschrift verschwinden lassen, was unweigerlich geschehen würde, wenn ich ihn nicht in den Computer übernehme.

Ich finde es enorm lehrreich, was sich alles überraschend als zum letzten Mal getan herausstellt. Es wäre seinerseits fast einen eigenen Essay wert, der „Versuch über das letzte Mal“ heißen könnte. Man nehme nur all die Menschen, die man trifft, mit denen man spricht usw., ohne zu wissen, dass es das letzte Mal gewesen sein wird. All die Handlungen, die ja grundsätzlich alle wiederholbar und revidierbar sind, ganz oder teilweise, bis wir im Rückblick erkennen, dass das ein Irrtum war, weil wir, ohne es zu wissen, an der Grenze des letzten Males angelangt waren, die uns für immer davon trennen wird.

Die Dinge bekommen von daher ihre Bedeutung, werden in ihrem Sinn festgeschrieben und definieren uns. Es ist derselbe Vorgang, der im Film vom Filmschnitt geleistet wird. Der Sinn, die Aussage einer Szene wird durch den Schnitt bestimmt. Pier Paolo Pasolini hat in seinem Aufsatz „Anmerkungen zur Einstellungssequenz“ über diese Funktion des Filmschnitts, also über die „Montage“, geschrieben. Und das grundlegende Paradigma für die Bedeutungsfestlegung durch den Schnitt ist natürlich der Tod. Er legt uns fest, trennt uns von jeder Wandelbarkeit, jeder möglichen Wiederholung und Korrektur ab, und sagt mit seinem endgültigen Schnitt: „Das genau bist du. Nur das. Nichts anderes.“

Pasolini hat sehr genau gewusst, was der Film mit dem Tod zu tun hat. Die Montage bearbeitet das Material des Films (der aus sehr langen oder sehr kurzen Fragmenten, aus ebenso vielen Einstellungssequenzen und möglichen subjektiven Perspektiven besteht) wie der Tod das Leben bearbeitet, schrieb er.

Also: noch wandelt sich alles, der Regen hat wieder aufgehört, ich höre jetzt Schostakowitsch statt Skrjabin, wenn ich meiner Frau heute noch nicht gesagt hätte, dass ich sie liebe, so könnte ich das noch nachholen, wenn ich der Aufforderung „Du musst Dein Leben ändern!“ nachkommen wollte, ich könnte es (zumindest versuchen). Noch steht der letzte Schnitt aus.

Ich hoffe für Sie, dass das noch lange so bleibt
Bleiben Sie glücklich
wünscht PHG