Regen am Morgen und das Imaginäre

Mittwoch, 25. September 2019, bei Messiaen: Quatuor Pour La Fin Du Temps

Jetzt genieße ich die kühler werdenden Tage. Am Morgen um 5 habe ich mich ans offene Fenster gesetzt und für eine Viertelstunde dem Regen im noch dunklen Garten gelauscht. Danach dann schlief ich tief bis gegen acht.

Allerdings setzte sich der Traum fort, den ich auch vor der Regenepisode geträumt hatte. Ich bearbeitete darin die ganze Nacht hindurch Gedichte, manche fand ich nur auf Zetteln und gar auf Servieten, die in längst gelesenen Büchern steckten. Dabei habe ich in den letzten Monaten, wenn ich überhaupt etwas arbeiten konnte, ausschließlich an Prosa gearbeitet. Zuletzt, auch gestern, vor und nach der Physiotherapie, an der neuen Geschichte ‚My sweet Lord‘, von der ich inzwischen doch überlege, ob ich sie nicht besser ‚Das Buch des Glanzes‘ nennen soll.

Immer wieder musste ich in den letzten Wochen daran denken, welch einen unerhört großen Teil meines Lebens ich im Imaginären verbracht habe, in den Räumen meiner Geschichten, den Innenräumen der Phantasie und der Vorstellungskraft, in denen ich Bücher ausgebrütet habe. Es fällt mir vermutlich deshalb jetzt auf, weil ich den größten Teil meines Lebens überblicke. Nun, das, was man wohl das reale Leben nennt, also das, was man so lebt und halt leben muss, mit Alltag, Haare schneiden, Sauerkraut kochen, Straßenbahnfahren und all den anderen absurden Tätigkeiten, habe ich zwar auch gelebt aber kaum wahrgenommen. Heute denke ich, dass war der Grund, warum meine erste Frau mich so gehasst hat. Sie hat eigentlich nichts anderes getan, als essen, schlafen und halbtags zur Arbeit gehen, wo sie sich mit Kollegen unterhalten hat. Während ich, egal was und wo ich arbeiten musste – denn das musste ich selbstverständlich auch – immer Geschichten erfunden, geschrieben und gelesen habe, selbst in der Zeit, die sie Urlaub nannte. Das hat sie verrückt und sehr wütend gemacht.

Es tut mir zwar auch leid für sie, aber ich habe damals nicht begriffen, dass ich dadurch auf gewisse Weise gar nicht anwesend war. Ich war stattdessen in meiner Höhle. Menschen leben ja, wenn ich das richtig verstanden habe, ihr Leben miteinander, so belanglos und langweilig es auch sein mag. Ich befand mich hingegen in meiner imaginierten Anderswelt, in meiner Höhle, und zwar selbst dann, wenn ich mich augenscheinlich um das gekümmert habe, was man gemeinhin Kinder und Haushalt nennt, und das tat ich, weit mehr als meine Frauen.

Lascaux: Mann mit Vogelkopf

Höhle nenne ich es deshalb, weil meiner Ansicht nach alles in einer Höhle begonnen hat. Will sagen, die Geburtsstunde des Imaginären fand in einer Höhle statt, bei Feuerschein. Und wenn es heute nur im Arbeitszimmer oder unter der Höhle der eigenen Schädeldecke stattfinden kann, so ändert das nichts daran, dass es hier um das Leben in zwei verschiedenen Welten geht und schon immer ging.

Die meisten Menschen leben halt nur in einer Welt. Allenfalls wenn es um die Frage geht, was würde ich mir alles kaufen, wenn ich im Lotto gewinnen würde, wird eine Art von verkümmerter Vorstellungskraft bemüht. Arno Schmidt nannte es das Modell „Si j’étais reine“, er erfand dafür in seiner privaten Erzähltheorie das LG, das sogenannte ‚Längere Gedankenspiel‘, aber ihm war natürlich klar, dass das die Schwundstufe der Vorstellungskraft war.

Egal, erst heute ist mir wirklich bewusst, wieviel meiner Lebenszeit ich vor der Leinwand des Imaginären verbracht habe. Und dabei habe ich immer geglaubt, dass ich längst nicht genug schrieb, dass ich nicht den wirklich totalen Einsatz für meine Bücher gebracht habe. Ich habe mich gequält, weil ich glaubte, dass ich meine Kunst verriet, wenn ich nicht mehr arbeitete. Währenddessen haben die anderen mich angesehen und gedacht, was treibt dieser Vollidiot da eigentlich? Und meine Ex hat mich bei der Scheidung angeschrien: „Ich habe keinen Schriftsteller geheiratet! Ich habe einen Soldaten geheiratet!“ Nun gut, was solls, die meisten Frauen heiraten ja bekanntlich die falschen Männer.

Ich wünsche trotzdem allen, Frauen und Männer, dass sie glücklich bleiben. Die Schriftsteller werden mit ihrem Unglück leben können, das tun sie immer, und sie haben da ja noch das Imaginäre.

Wünscht
Ihr PHG