Dein größter Schmerz

Samstag, 12. Oktober 2019, bei Keith Jarretts ‚Invocations‘ und ‚The Moth and the Flame‘

Auf der weißen Gartenmauer prangt die Morgensonne. Das Schilf am Weiher imitiert einen japanischen Garten. Wenn ich jetzt sterben sollte, so wird es sich nicht darum kümmern. Die Natur bleibt immer ungerührt. Und selbst die Imitation existiert nur in meiner Vorstellung.

Vor zwei Wochen schrieb mir eine Freundin: „Was zehn Jahre verrinnende Zeit erledigen. Heute habe ich nach dem brüllenden Schmerz gesehen, den ich vor langer Zeit unter einem dicken Stein begraben hatte. Er war verschwunden. Friedlich, fast unschuldig ist die Stelle nun nicht mehr von der Umgebung zu unterscheiden.“

Ich fand, dass sie da ein sehr anschauliches Bild benutzte. Und natürlich auch, dass sie klug mit ihrem Schmerz umgegangen war. Den Schmerz unter einen Stein packen und ihm Zeit geben zu verschwinden, ist gewiss gesünder, als sich immer weiter damit herumzuschlagen. In diesem Sinne schrieb ich ihr auch eine Antwort.

Aber mich ließ das Thema nicht mehr los, und ich begriff, dass ich ein ganz anderes Verhältnis zu meinem Schmerz habe. Ich denke, das liegt daran, dass ich Schriftsteller bin; das Dasein mit seinen Verlusten, Katastrophen, Schmerzen ist mein Stoff, mein Antrieb, ja, ich möchte sogar behaupten, es ist mein Erkenntnis-Werkzeug, ohne das ich das Leben nicht verstehen würde. Ich packe den Schmerz also nicht unter den Stein sondern forme ihn in der Imagination um, bis aus dem realen Schmerz eine fiktive Geschichte geworden ist.

Das heißt auch, dass der Kern der Fiktion der Schmerz ist. Immer. Wenn das nicht der Fall ist, dann kommt dabei nur irgendein blödsinniges und gänzlich unnützes Phantasiekonstrukt heraus. Nur der Schmerz gibt dem Schreiben die Notwendigkeit. Und wenn der Autor sich im Raum der Fiktion befindet, dann bewegt er sich an dem Ort, an dem der Schmerz hinreichend erträglich ist. Das meint Javier Marias, wenn er sagt: »Romane schreiben ermöglicht es dem Romancier, einen guten Teil seiner Zeit in der Fiktion zu verbringen, wahrscheinlich der einzige erträgliche oder halbwegs erträgliche Ort.« Nun müssen Sie aber nicht denken, dass das für jeden Autor so ist. Man kann seinen siebten Plettenberg-Krimi (oder wo Krimis auch immer spielen mögen) natürlich gänzlich ohne innere Notwendigkeit dieser Art schreiben. Deshalb sind ja die meisten Bücher heute so überflüssig. Aber für die Autoren, die aus existentiellen Gründen schreiben, ist das so.

„Ich und mein Satyr“, Radierung, (c) Peter H. Gogolin

Aus diesem Grund gibt es auch Autoren, die sich ihr ganzes Leben hindurch letztlich nur mit einem einzigen Thema zu befassen scheinen, es in immer neuen Anläufen um und umwenden. Wenn man sich ein Werk näher anschaut, dann fällt einem das mitunter auf. Für diese Autoren gilt nicht einmal der Satz der jungschen Analytikerin Marie-Louise von Franz, dass selbst die größten persönlichen Katastrophen nach zehn bis zwanzig Jahren ihre emotionale Kraft verlieren und verblassen. Sie müssten sonst verstummen.

Wenn es Sie jetzt zu wissen verlangt, was mein Schmerz ist, dann muss ich Sie freilich enttäuschen. Das ist nämlich ein Geheimnis. Das Werk des Autors spricht permanent davon. Er selbst nie. Und es kann sogar gut sein, dass Sie es auch im Werk nicht finden werden. Warum? Nun, weil Sie das Werk mit der Biografie des Autors verwechseln bzw. gleichsetzen, unberechtigter Weise. Und dann ist da nichts, so lange Sie diesen Fehler machen. Das Werk ist Fiktion. Und Fiktion ist ein Versteck. Da braucht es schon einen schlauen Jäger, um den verlorenen Schatz zu finden.

Aber hören Sie trotzdem nicht zu suchen auf.
Und bleiben Sie, wie immer, glücklich
wünscht Ihr PHG