Closing Time

Sonntag, 17. November 2019, bei viel Tom Waits und kaltem Wind

Grauer Novembertag, viel fallendes Laub. Immer wieder zucke ich kurz zusammen, wenn aus dem Haselnussbaum die handgroßen Blätter fallen, weil ich denke, dass ein Vogel zu Boden gestürzt ist. Meine Nachrichten-App vermeldet: Rechte Prepper rüsten sich für den „Bürgerkrieg“ – in einer Onlinegruppe mit 3500 Nutzern geben sich die Mitglieder nach SPIEGEL-Recherchen Tipps zur Beschaffung von Schusswaffen – und hetzen gegen Migranten und Muslime. In den USA? Nein, in NRW.

Was soll aus uns noch werden? / Es kommt so große Not. / Vom Himmel auf die Erden / fallen sich die Engel tot / hat Biermann mal gereimt. Nun ja, ich weiß es auch nicht, was da zun tun wäre, oder was da Aufgabe des Staates wäre. Aber das weiß der Staat ja selbst nicht. Außerdem bin ich wohl eh ein unpraktischer Mensch und werde allenfalls mit dem Schreiben eines Buches darauf reagieren. Das ist natürlich schon deshalb absurd, weil dann keiner mehr liest. ‚Manuskript, gefunden in einer ausgebrannten Bibliothek‘ könnte man es nennen. Das würde mir gefallen, auch Hubert Fichte meinte ja, er schreibe Bücher für eine Welt, die keine Augen mehr habe.

Aber machen Sie sich keinen Kopf, es wird wohl alles noch einige Zeit halten, zumindest lange genug, dass wir nochmal dicke Steaks essen und mit unseren SUVs die Kinder in die hundert Meter entfernte Schule fahren können. Und was der Auswüchse unseres höchst sinnvollen Lebens sonst sein mögen.

Ach ja, dieses Buch wollte ich Ihnen noch empfehlen. Nicht für den Aufenthalt auf der berühmten Insel. Das ist sowieso Quatsch, denn niemand nimmt auf die einsame Insel Bücher mit, das meinen nur Werbefritzen. Jedes gute Buch ist vielmehr die Insel selbst, auf die man sich nach dem Schiffbruch, gleich welcher Art, retten kann.

Der HAMLET war Alfred Döblins letzter Roman. Begonnen 1945 in Hollywood, beendet 1946 in Baden-Baden. Veröffentlicht zwanzig Jahre später 1966 bei Walter in der Schweiz, da war der Autor schon fast ein Jahrzehnt tot. Meine hier abgebildete Ausgabe ist die 2. Auflage von 1976. Damals habe ich das ungeheure Buch auch erstmals gelesen – und nicht wirklich verstanden, denn ich wusste zu wenig vom Hintergrund der Zeitgeschichte, von der Döblin schreibt. Wichtiger aber noch ist der Umstand, dass Döblin seinen Helden in diesem Buch die Sinnfrage auf eine Weise stellen lässt, die in religiöse Dimensionen reicht. Dadurch wird der Roman viel radikaler, als alles, was seine Zeitgenossen je geschrieben haben. Außerdem ist es ein Roman von großer Sprachkunst, die Sie selbst dann entführt, wenn draußen die Prepper längst ihren letzten Trockenkeks aufgefressen und ihre letzte Kugel verschossen haben.

Also ein Buch als Notration. Von dieser Art Bücher werde ich Ihnen in den nächsten Wochen noch ein paar mehr empfehlen, aber mit Döblin wollen wir heute anfangen.

Einen schönen Restsonntag
wünscht PHG