Was mir fehlt

Freitag, 15. November 2019, bei Verdis ‚Nabucco‘ unter Sinopoli

Der Winter kommt. Im Südosten Frankreichs, sagt meine Nachrichten-App, hat es starke Schneefälle gegeben, im Garten lässt der Feigenbaum, der gestern noch für die Ewigkeit dazustehen schien, die schlaffen Blätter wie gelähmte Hände herabhängen, und der Wetterdienst warnt vor Sturmböen und Frost. Wir werden die Blumentöpfe reinstellen müssen.

Neulich wurde ich gefragt, was mir jetzt fehle. Vielleicht auch, was mir jetzt ‚am meisten‘ fehle, ich weiß es nicht mehr genau. Was natürlich heißen sollte, nun, da du halbseitig gelähmt bist, nur im Rollstuhl sitzen bzw. mit Krücke laufen kannst usw. Ich war erstaunt, wusste nichts Rechtes zu antworten, sagte dann, es sei halt alles sehr anstrengend geworden, dauere sehr lange, ich müsse sehr vorsichtig sein, um nicht umzufallen, was mir ja anfangs mehrmals passiert sei, ich werde sehr schnell müde, sodass ich nicht lange schreiben oder lesen könne. Naja, und was sonst noch alles.

Eigentlich habe ich auf die Frage gar nicht richtig geantwortet, und was mir in meiner Lage tatsächlich fehlt, das wurde mir auch erst nachher bewusst, als ich darüber nachdachte. Tatsächlich fehlt mir nichts Materielles und keine Fähigkeit, so nach dem Motto ‚ich möchte gern mal wieder zum Tanzen gehen‘ oder Autofahren oder sonstwas. Im Grunde bin ich ja schon immer ein Eremit gewesen und hätte kein Problem, in einer kleinen Zelle zu leben, ohne dass mir etwas fehlte, außer halt ein Buch. Mir genügt auch mein eigenes Gehirn als Gesellschaft. Aber es gibt Dinge und Fähigkeiten, die mir fehlen, sogar sehr. Es sind allesamt Dinge, die auf meine Liebste bezogen sind: Zum Beispiel, dass ich nicht mehr vor der Schauspielschule stehen und sie nach dem Unterricht abholen kann. Oder dass sie jetzt allein in der Nacht am Bahnhof ankommen muss, weil ich nicht mehr am Gleis stehen, sie begrüßen und ihr das schwere Gepäck von den Schultern nehmen kann, wenn sie etwa von einem Workshop zurückkehrt. Dass ich nicht mehr mit dem Essen aufwarten kann, wenn sie nach einem erschöpfenden Kurstag zur besprochenen Zeit die Tür öffnet. Solche Dinge – und es gibt viele davon – fehlen mir zutiefst, erschüttern und verletzen mich derart, dass ich gar nicht darüber nachdenken darf, weil ich sonst zu weinen beginne. Nimm das, liebe C., als nachträgliche Antwort oder als Ergänzung zu Deiner Frage.

Es könnte ansonsten sein, dass ich hinsichtlich der nächsten Veröffentlichung umdisponiere. Vorgesehen hatte ich ja für das Frühjahr den Band mit den 3 Novellen, der im neuen Katalog des Verlages auch bereits angekündigt ist; man kann es hier im Blog nachlesen. Inzwischen habe ich die ersten 160 Seiten des Rom-Tagebuches durchgesehen und es drängt sich mir Seite für Seite stärker auf, dass es ein Text ist, der nicht in den Untiefen des Nachlasses verschwinden darf. Er enthält so viel Inferno aus meiner Lebensmitte, dass er ins Licht gestellt gehört. Ich werde ihm, in einem Akt der Anspielung, den Titel „Kein Jahr der Liebe“ geben. Vielleicht im Untertitel ‚Mein römisches Tagebuch 1989‘. Es war mein Jahr der Wende, an das sich über zwanzig Jahre Schweigen anschlossen, da man mich vernichtet hatte. Es wird ein Buch werden, das Mitteilungen von dem unbekannten Kontinent macht, der mein Leben ist.

Aber wir leben ja noch. Und das soll auch noch möglichst lange so bleiben. Ich hoffe, dass ich das für meine Liebste tun kann. Wenn nicht, dann wäre ich dem Großen Anderen ernstlich böse; das sollte Er vermeiden.

Gehen Sie vorsichtig in den Winter
wünscht Ihr PHG