Tage der Müdigkeit

Donnerstag, 09. Januar 2020, bei Bachs ‚Cello Suiten’| Netherlands Bach Society

Wieder so ein Tag, der gar nicht recht hell werden will. Die Nachrichten-Apps vermelden, dass die Kriegsgefahr in den letzten Stunden etwas gesunken sei. Zugleich sprechen jetzt doch deutliche Anzeichen dafür, dass die ukrainische Passagiermaschine abgeschossen wurde. Früh am Morgen, noch bevor ich aufstand, schrieb mir eine Freundin, dass ihre Mutter gestorben sei.

Nun, so lebt man halt, und natürlich ist die Aufzählung in geradezu sträflicher Weise unvollständig. Zumindest, dass die Liebste heute den dritten Tag krank ist, dass ich zudem ständig sehr müde bin und mit der Arbeit am Text nicht voran komme, dass die Abrechung für die AOK immer noch liegt und dass …. ach, das vollständige Jammerlied zu singen, vermag nur Gott allein.

Muss auch nicht sein. Was erfreulich zu vermelden ist, das ist der langsame Eingang der mir bislang in meiner Bibliothek noch fehlenden Bücher aus dem Werk von Alban Nikolai Herbst. Das sind das ‚New York‘ Buch, dann die ‚Kleine Theorie des literarischen Bloggens‘, drittens den Roman ‚Die Verwirrung des Gemüts‘, viertens die Novellensammlung ‚Der Arndt-Komplex‘, fünftens die Novelle ‚Die Orgelpfeifen von Flandern‘ und dann den Schreibheft-Band Nr. 58, den er gemeinsam mit Barbara Bongartz gemacht hat: ‚Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen‘. Alle Bücher zusammen kosteten antiquarisch knapp über 11 Euro, einige wie der Arndt-Komplex nur 80 Cent. Im Grunde eine Schande. (Was mir jetzt noch fehlt, das ist die Erstveröffentlichung ‚Marlboro‘ von 1981 und die ‚Dschungelblätter‘.)

Aber mir ist es wichtig, das Gesamtwerk zu kennen, seit ich im vergangenen Jahr endlich das poetologische Konzept seines Schreibens und damit auch den Zusammenhang seiner Bücher untereinander begriffen habe. Im Grunde muss man sagen, dass der Leser sich eines großen Teils des Vergnügens an Herbsts Literatur begibt, wenn er nur einzelne Texte liest, ohne den Zusammenhalt zwischen ihnen, der über die Jahre mit dem gesamten Werk gewachsen ist – wie eine zusätzliche Schicht der Fiktion, über, hinter und vor der erzählerischen Fiktion des jeweiligen Einzeltextes – wahrzunehmen. Gleich einem Schöpfungsmythos, der auch den Autor/die Autoren selbst einbegreift, durchwebt diese Ebene die gesamte Herbstsche Literatur und läßt sie schon deshalb einzigartig dastehen; im deutschen Sprachraum sowieso, doch nach meiner Kenntnis überhaupt mit nichts in der Literatur des 20. und bisherigen 21. Jahrhundert zu vergleichen.

Ich will schauen, ob ich es schaffe, dass mein Lesevergnügen am (und mein Verständnis) Werk von Alban Nikolai Herbst nicht nur privat bleibt.

Bleiben Sie glücklich und
(vielleicht) freuen Sie sich drauf
wünscht sich Ihr PHG