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Endzeit-Literatur oder Leben im Ragnarök

Alles, was ist, ist Metapher.
Norman O. Brown
Samstag, 8. Februar 2020, bei accordance von Guy Klucevsek and Alan Bern

Wer nach Der Herr der Ringe geglaubt hatte, dass Frodo und Sam uns gerettet haben und wir in unserem Hobbingen beruhigt weiter vor uns hindaddeln können, der wird vermutlich schon gemerkt haben, dass er sich zu früh gefreut hat. Auch Stephen Kings Hauptwerk, die Saga The Dark Tower, verspricht in dieser Hinsicht wohl leider zuviel, – oder das Falsche -, denn da der Bewohner des dunklen Turms inzwischen Präsident geworden ist, wünscht man sich geradezu, dass der Turm bei Zeiten eingestürzt wäre.

Egal. Es gibt andere Welten. Wir tun zumindest so. Aber so ist das nunmal, Schriftsteller lügen viel, auch wenn sie es nicht gern tun. Sie fühlen sich wohl verpflichtet, ihren Lesern am Ende Hoffnung zu machen. Wir sollten ihnen dafür nicht böse sein. Sie haben es nicht anders gelernt.

Tatsache ist freilich, wir leben im Ragnarök, in den Zeiten des Untergangs, da die Riesen die Götter stürzen und die Welt zerstören. Daran ändern auch noch so viele Fridays for Future nix. Spätestens seit der „Winter is coming“ Prophezeiung im Game of Thrones-Zyklus sollte das klar sein.

Brüder schlagen dann,
morden einander;
Schwestersöhne
verderben Verwandtschaft;
wüst ist die Welt,
voll Hurerei; ’s ist
Beilzeit, Schwertzeit,
zerschmetterte Schilde,
Windzeit, Wolfszeit,
bis einstürzt die Welt –
nicht ein Mann will
den anderen schonen.

… heißt es in der „Weissagung der Seherin“. Das ist die Wolfszeit. Der Winter, den die Völuspá Fimbulwinter nennt, folgt erst danach. Darum ist Der Winter naht eine dringliche Warnung.

Das große Thema der Endzeit, das wir aus der Apokalypse der Bibel in den ersten Jahrhunderten post Chr. kennen und deshalb meist für ein christliches Motiv halten, war völlig unchristlich aber auch immer im ganzen indogermanischen Sprachkreis präsent und lebt heute lebendiger denn je in der Populärkultur der Fantasyliteratur und des Films weiter.

Auf Netflix ist in diesem Jahr -wohl probeweise, da man erstmal nur eine 1. Staffel mit sechs Folgen terminiert hat – die Serie „Ragnarök“ angelaufen, die nach meiner Ansicht zwar etwas behäbig in Fahrt kommt, aber vielversprechend sein könnte, so die Macher den Mut haben, weitere Staffeln folgen zu lassen. Bisher zeigen die 6 Folgen in der Hauptsache nur die Berufung des Helden. Die eigentliche Geschichte muss noch kommen.

Wer in der deutschen Literatur nach thematisch vergleichbaren Werken sucht, wird nur bei Alban Nikolai Herbst und seinem Anderswelt-Zyklus fündig werden. Herbst zeichnet in seinen 3 Romanen „Thetis„, „Buenos Aires“ und „Argo“ das Kolossalgemälde einer Welt, der nicht nur das Klima sondern auch die Plattentektonik gestört ist:

Schon floß die Nordsee in Holland ein, ins Emsland Ostfriesland. Hamburg versenkt, ganz Norwegen schiffbar, Schottland ein Archipel, eine Völkerwanderung von Norden nach Süden hub an und von Süden nach Norden, Westen nach Osten, Osten nach Westen, und die große Mauer wurde gebaut, tausenddreihundert Meter hoch, hundertdreiundfünfzig Meter breit. Massiv Beton, einhundert Meter zum Thetismeer, moränenverkleidet und stachelbewehrt, mit kilometerlangen Molen, zwischen denen die Brecher sich brachen, schimmernd schillernd farbig.

Thor und die Midgardschlange

Ein Zustand, als habe sich die Midgardschlange an Land gewälzt und es überflutet. Immer deutlicher wird mir, dass Endzeit-Literatur seit dem 20. Jahrhundert als einzige angemessen in der Lage ist, die Zustände unseres Planeten zu beschreiben. Bei J. R. R. Tolkien zwar noch in einer Mittelerde angesiedelt, als könne es der realen Erde nicht wirklich geschehen, bei George R. R. Martin noch zurückversetzt in ein Mittelalter, das den Winter, auch wenn er kommen mag, hoffentlich von uns fern hält. Erst bei Stephen King teilweise in der Gegenwart New Yorks angekommen. Die Macher von Ragnarök endlich haben sich für ein äußerst reales Norwegen der Gegenwart entschieden.

Und Hans Erich Deters, der Held von Alban Nikolai Herbsts Roman Zyklus, durchstreift wie ein Widergänger die dystopen Szenerien der Gegenwart, Zukunft und der mythologischen Anderswelt, in denen ihm ferne Göttinnen ebenso begegnen, wie die Androiden des Alltags und fahrende Sänger. Das alles zudem in einer Prosa, die, zumindest für mich, die Sprache Alfred Döblins aufklingen lässt.

Lange Tage und angenehme Nächte
wünscht PHG