Zurück an die Arbeit oder wie das Schreiben für den Autor ein Halt ist

Samstag, 22. Februar 2020, bei Mozarts ‚Cosi fan tutte‘ unter René Jacobs, mit Bernarda Fink, Véronique Gens u.a.

Vor knapp einem Monat habe ich zuletzt etwas geschrieben, und zwar diesen Eintrag ins tägliche Arbeitsbuch:

Sonntag, 26. Jan. 2020
Heute habe ich entschieden, dass ich kein Schriftsteller mehr sein werde. Ich werde nicht mehr schreiben, auch die bereits fertigen Texte nicht mehr veröffentlichen, nichts mehr korrigieren usw. Ich gebe diesen sinnlosen Kampf auf. Für die letzten Tage meines Lebens werde ich allenfalls noch ein Leser sein, auch das allerdings nur, wenn ich wirklich Freude daran haben sollte. Das schließt auch die Gewohnheit des Tagebuchschreibens ein, die nur Sinn machte, so lange ich ein Schriftsteller war. Groß publik machen werde ich diese Entscheidung nicht, auch J. gegenüber nicht. Ich werde lediglich meine Anstrengungen für das Schreiben einstellen und ansonsten still sein.

Nun zeigt sich, dass sich diese Entscheidung allenfalls durchhalten ließe, wenn ich bereits den Tod an der Nase hätte – und das habe beileibe nicht. Es ist auch nicht so, dass ich nur irgendwelche angefangenen Texte – Erzählungen, Gedichte etc. – liegenlassen müsste – das natürlich sowieso -, es sind vielmehr weit größere Brocken, ganze Romane etwa, die nur noch auf die Veröffentlichung warten. Und meine Novellen-Sammlung ist vom Verlag längst angekündigt. Wenn auch noch nicht mit dem richtigen Coverbild.

Der Prospekt des Kulturmaschinen Autoren-Verlags

Ich müsste also gegen feste Vereinbarungen verstoßen und damit auch die Arbeit anderer nichtig machen. Also habe ich mich heute umentschieden. Zumal es eh nicht so einfach war, meinen Abschied vom Schreiben durchzuhalten; des Nachts erschien mir sogar meine tote Mutter im Traum, um mich zu beschwören, weiterzumachen. Das konnte ich zwar leicht ignorieren, da ich wusste, dass sie mich nur aus Eigennutz besucht hatte; sie wird halt wissen, dass ich noch ein fertiges Buch über ihr Sterben in der Schublade habe. Das will sie natürlich nicht verkommen lassen, Tote sind nunmal eitel. Zu Lebzeiten hat sie mein Schreiben durchaus nicht gefördert, also neige ich nicht dazu, mich nach ihren Wünschen zu richten.

Die fertigen Manuskripte, die nur noch auf ihre Schlussredaktion vor der Veröffentlichung warten, kann ich weit schlechter ignorieren; ich würde sie im Grunde nur der Liebsten aufhalsen, kümmerte ich mich nicht zu Lebzeiten noch selbst darum, bevor ich mit Recht sagen kann: I’m leaving the table.

An diesem Wochenende werde ich also die letzte Lesung von „Isoldes Liebhaber“ absolvieren und das Manuskript danach aus den Händen geben. Dann folgt der gleiche Vorgang mit dem Bruder-Roman. Die gesammelten Erzählungen sind im nächsten Jahr an der Reihe. Und das Mutter-Buch kommt zum Schluss.

Das Schreiben ist halt doch immer für den Autor ein Halt. Wie der Strick für den Gehängten.

Genießen Sie den Karneval und
bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen Ihr PHG