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Zusammenkehren? Was verbirgt sich hinter jener Stirn

Sonntag, 29. März 2020, bei etwas Modern- und Cool-Jazz von Lennie Tristano über Zoot Sims und Milt Jackson bis Art Pepper

Fürchtet den Dichter nicht, wenn er edel zürnet, sein Buchstab
Tötet, aber es macht Geister lebendig der Geist.
(Hölderlin)

Es scheint eine Zeit des Einkehrens und Aufkehrens angebrochen zu sein, nach einer Woche Kontaktverbot, des Sammelns und Zusammenfassens, nicht des Neuanfangs. Seit Jahren denke ich erstmals wieder daran, meine gesammelten Erzählungen in einem Band zu vereinen, Teile meiner Tagebücher habe ich schon zu Jahresbeginn wiedergelesen, um zu sehen, ob sie das Publizieren lohnen. So meine 270seitigen römischen Notate, die ich nach der Durchsicht unter dem provisorischen Titel „Kein Jahr der Liebe“ zu einem Manuskript gebündelt habe. Vielleicht schaffe ich die Veröffentlichung bis zum Spätherbst.

Hierzu, zum Sammeln usw., gehören auch die Neufassungen meiner beiden Romane „Seelenlähmung“ und „Herz des Hais“, die so neu sind, dass es dafür sogar völlig neu gestaltete Umschläge gegeben hat.

Gestern kam zur Besprechung der Erinnerungsband „Irgendwie ging alles sehr schnell“, worin der Salzwedeler Autor Uwe Friesel seine Aufenthalte über Jahrzehnte in Olevano, Schreyahn und Stockholm in spontanen Aufzeichnungen wieder lebendig werden lässt.

Er verteidigt sich darin gegen den unsinnigen Anwurf, dass die Inanspruchnahme des Lesers für private Zwecke letztlich unanständig sei. Wie überhaupt alles Private, sobald es zwischen Buchdeckeln festgezurrt werde, letztlich unanständig sei. Denn es laufe auf Indiskretion hinaus. Auf Schlüsselloch-Guckerei.

Da musste ich doch sehr lachen. Ja, ihr lieben, ach so diskreten Leute, von mir aus läuft es darauf hinaus. Das ist ja auch das Schöne daran, finde ich zumindest. Und meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass die, mit dem größten Verlangen nach der sogenannten Diskretion, die sind, die einem zuvor völlig indiskret in den Hintern getreten haben.

Uwe Friesel entgegnet dem Vorwurf der unanständigen Indiskretheit so: Es gibt Schlimmeres. Kaum eine Belehrung meiner Kindheit hat mich so irritiert wie der Satz meiner Mutter „Sei nicht so neugierig!“ Ohne Neugier hätten wir keine Zukunft. Nicht einmal eine Gegenwart. Was verbirgt sich hinter jener Mauer, hinter jener Tür, hinter jener Stirn? In jener Flaschenpost?

Genau so ist es, und das macht mich auf Friesels versammelte Erinnerungen sehr neugierig. Seien Sie es auch. Ich werde Ihnen von meiner Lektüre berichten.

Jetzt entlasse ich Sie für heute. Bleiben Sie gesund
und vor allem glücklich
wünscht Ihr PHG