Ein Frühstücksgespräch- Longtemps, je me suis couché de bonne heure.

Mittwoch, 8. Juli 2020, bei Verdis „Attila“ unter Riccardo Muti

Die Liebste und ich sind immer miteinander im Gespräch, das ist wohl das Geheimnis unserer jetzt bereits über 30 Jahre andauernden Liebe. Und falls wir doch mal schweigen, so fragt früher oder später – meist früher – jemand den anderen, was sie oder er gerade denkt. So auch heute, während des Frühstücks, worauf ich mit dem Incipit aus Prousts „Recherche“ antwortete: „Longtemps, je me suis couché de bonne heure.

Nun forderte das „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ , dieser (zumindest ehemals) berühmte Eingangssatz aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ , natürlich eine Erklärung, die ich mich dann auch zu geben bemühte. Zum Hintergrund muss ich sagen, dass ich mich nach den drei Manuskripten, die ich in diesem Jahr abgeschlossen habe:

  • Isoldes Liebhaber
  • Lebensweisen mancher Leute
  • Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht

inzwischen auf ein neues Buch vorbereite. Es trägt vorerst den Arbeitstitel „Stahlwerkstraße 44“ . Zu dieser Vorbereitung gehört einerseits eine recht rigorose Abschirmung, andererseits die Re-Lektüre einiger Bücher, von denen ich glaube, dass sie mir bei der Arbeit an der Stahlwerkstraße hilfreich sein werden. U.a. eben auch die sieben Bände der Proustschen Recherche. Bei meiner letzten Lektüre – vor wie viel Jahren? – hatte ich den Schlussband „Die wiedergefundene Zeit“ nicht geschafft. Gründe sind mir nicht mehr gegenwärtig, aber geärgert hat es mich immer. Nun bin ich seit dem vergangenen Wochenende in der erneuten Lektüre.

Ich erzählte also der Liebsten, dass der Eingangssatz der Schlüssel sei, ohne den man keinen Zugang zum Proustschen Großroman findet. Warum? Weil er den Unterschied zu so ziemlich allen anderen Romanen ausmacht, denn normalerweise beginnt ein Buch mit einer Person oder einem Ort bzw. vermischt mit beidem, also einer Person an einem Ort. Man nehme zum Vergleich zwei andere Bücher, die in der klassischen Europäischen Moderne ihren Platz behaupten: Flauberts „Madame Bovary“ und den Joyceschen „Ulysses“ .

Bei Flaubert befindet sich der Leser anfangs in einer Schulklasse, die Schüler sitzen in den Bänken, der Direktor tritt ein und bringt einen neuen Schüler in die Klasse – erster Auftritt Charles Bovary. Ganz wie im Theater, da ist eine Bühne und darauf treten die Figuren auf. Nehmen wir den „Ulysses“, so ist es nicht anders. Als Bühne dient der Martello-Turm in Sandycove an der Küste der Dublin Bay. Auftritt: „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. … Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte: Introibo ad altare Dei.“

Wenn es Abweichungen von dieser Person/Ort – ich nenne es mal – Bühnen-Regel gibt, dann allgemein nur in der Weise, dass der Ort in Form einer längeren Beschreibung dominiert, weil dieser Handlungsort im Buch eine besondere Rolle spielt. Ansonsten benutzen Autoren noch allgemeine Einleitungen längerer oder kürzerer Art. Tolstoi beginnt seinen Roman „Anna Karenina“ etwa mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“ , das ist wie ein Motto, unter dem die nachfolgende Handlung zu betrachten ist. Danach geht es dann nach der Bühnen-Regel weiter. Die Familie Oblonski tritt auf, wir erfahren vom Seitensprung des Hausherrn usw.

Nun, das musste ich der Liebsten während des Frühstücks nicht erläutern, denn das weiß sie alles. Erläutern musste ich, warum das bei Proust anders ist, denn die Recherche hält sich nicht an die Bühnenregel, die die Leser fast immer unbewusst voraussetzen. Proust beginnt stattdessen mit einer Situation, der Situation des Einschlafens. Und das tut er nicht für die Dauer eines Satzes oder eines Absatzes, nicht für eine Seite oder zwei – was für die meisten Leser sicher schon viel zu viel wäre. Die Couché-Episode, wie ich sie nennen möchte, mit der die Recherche beginnt, reicht von S.7 bis S. XY – ja, Sie lesen richtig, ich weiß es nämlich noch nicht. Ich habe am gestrigen Abend bis Seite 46 gelesen, und die Situation der Couché-Episode dauert noch an. Es geht immer noch darum, wie und wo und warum der Ich-Erzähler, dessen Namen wir noch nicht mal kennen, eingeschlafen ist oder eben auch nicht, was er damit verbindet, wie ihn das geformt hat etc.

Für den normalen Leser, der dauernd auf Handlung wartet, darauf, dass irgendwas passiert, im Extremfall darauf, dass der Inspektor auftritt und uns mitteilt, wer der Mörder denn nun verflucht nochmal gewesen ist, kann das nicht anders als gänzlich unerträglich sein, ganz und gar unzugänglich und undurchschaubar. Das tut mir schrecklich leid, denn wenn man Proust begriffen hat, dann ist er in Wahrheit völlig klar, auf brillante Weise durchsichtig und von großer Schönheit. Und es macht mich glücklich, dass ich davon noch weit über 5.000 Seiten vor mir habe. Ach, es kommt mir wie ein verfehltes Leben vor, wenn man dieses Buch nicht kennt.

Ja, das war so in etwa unser Frühstücksgespräch. Vielleicht sollte ich jetzt noch sagen, was das mit der „Stahlwerkstraße 44“ zu tun hat. Prousts Buch ist tatsächlich eine Suche nach der verlorenen Zeit. Was meint das? Es meint die Zeit unseres Lebens, unser Leben selbst, das ja in der Zeit stattfindet und stattgefunden hat – in meinem Fall nun in den letzten 70 Jahren – und die Erinnerung daran. Es geht um das Leben und das Vergessen, damit um das Verlieren unseres Lebens, unserer Identität, unserer Person, und wie wir durch das Erinnern diese verlorene Zeit wiederfinden können. Es ist also ein großes Erinnerungsbuch und zeigt uns, wie das Leben am Ende in der Erinnerung wiedergefunden wird.

Darum wird es auch in meinem nächsten Manuskript „Stahlwerkstraße 44“ gehen. Nicht so umfangreich, nicht so komplex, nicht in der Proustschen Sprache sondern in meiner, nicht im Proustschen Ambiente, denn sein Buch spielt hauptsächlich um das Jahr 1890, meines wird in den Jahren 2020 und, auf der Vergangenheitsebene, vom Dezember 1963 bis 1965 spielen, während des Auschwitz-Prozesses. Das sind die beiden Eckdaten, zwischen denen der größte Teil meines bewussten Lebens abgelaufen ist. Darin werde ich mich auf die Suche nach meiner verlorenen Zeit machen. Aber Proust soll dabei mein Mentor sein. Oder wie ich zum Leiter meines Verlages gesagt habe: „Ich habe eine Liebesbeziehung zu einem Mann, der lange Zeit früh schlafen gegangen ist.“

Vom Fortgang dieser Reise werde ich Ihnen berichten
bleiben Sie bis dahin glücklich
wünscht Ihr PHG