{"id":9078,"date":"2026-08-03T14:33:53","date_gmt":"2026-08-03T12:33:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/?page_id=9078"},"modified":"2026-09-05T13:15:12","modified_gmt":"2026-09-05T11:15:12","slug":"willkommen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/","title":{"rendered":"Home"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und das muss gen\u00fcgen &#8230;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Wenn man davon ausgeht, dass der Beginn der Kunst und des Erz\u00e4hlens im Mythos wurzelt, im Mysterium, dann ist nicht zu \u00fcbersehen, dass diese Verbindung verlorengegangen ist. Vermutlich hat niemand diesen Verlust anschaulicher geschildert, als der gro\u00dfe hebr\u00e4ische Erz\u00e4hler und Nobelpreistr\u00e4ger von 1966 S. J. Agnon, von dem der Kabbala-Gelehrte Gershom Scholem am Schluss seines Hauptwerkes \u00fcber die j\u00fcdische Mystik<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> berichtet, dass er von ihm die folgende Geschichte \u00fcber das Erz\u00e4hlen und das Feuer geh\u00f6rt habe:<br><br><em>Wenn der Baal-shem etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Gesch\u00f6pfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Walde, z\u00fcndete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditation versunken, Gebete \u2013 und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation sp\u00e4ter der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Walde und sagte: \u00bbDas Feuer k\u00f6nnen wir nicht mehr machen, aber die Gebete k\u00f6nnen wir sprechen\u00ab &#8211; und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation sp\u00e4ter sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: \u00bbWir k\u00f6nnen kein Feuer mehr anz\u00fcnden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben, aber wir kennen den Ort im Walde, wo all das hingeh\u00f6rt, und das muss gen\u00fcgen.\u00ab &#8211; Und es gen\u00fcgte. Als aber wieder eine Generation sp\u00e4ter Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu vollbringen hatte, da setzte er sich in seinem Schloss auf seinen goldenen Stuhl und sagte: \u00bbWir k\u00f6nnen kein Feuer machen, wir k\u00f6nnen keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir k\u00f6nnen die Geschichte davon erz\u00e4hlen.\u00ab Und \u2013 so f\u00fcgt der Erz\u00e4hler hinzu \u2013 seine Erz\u00e4hlung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Nur das Erz\u00e4hlen blieb uns also. Die Literatur, sie ist nicht etwas, das wir mit mal mehr, mal weniger Interesse auf dem Buchmarkt finden k\u00f6nnen. Es ist das, was uns mit dem Mysterium unseres Menschseins verbindet, mit dem Staunen \u00fcber unser Dasein. Wir sind das einzige Tier auf diesem Planeten, das Geschichten erz\u00e4hlt. Und m\u00f6glicherweise sind wir nur deshalb Menschen geworden, weil wir eben dies tun, Geschichten erz\u00e4hlen. Unsere Verbindung mit dem Feuer, der magischen Sprache, m\u00f6gen wir verloren haben, aber erz\u00e4hlen k\u00f6nnen wir noch, von allem, was ist und war, das muss gen\u00fcgen. Zur Wahrheit kommen wir nur durch eine Geschichte. Und jede Erz\u00e4hlung, alle Literatur ist ein Gedenken an den Verlust, der in Agnons Erz\u00e4hlung durch den Verlust des Feuers symbolisiert wird. Erst, wenn wir das Erz\u00e4hlen aufgeben oder gar in Zukunft von der KI erledigen lassen, ist alles verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Bleiben Sie gl\u00fccklich,<br>w\u00fcnscht Ihnen <em>Peter H. E. Gogolin<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gershom Scholem: Die j\u00fcdische Mystik in ihren Hauptstr\u00f6mungen, stw 330<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und das muss gen\u00fcgen &#8230; Wenn man davon ausgeht, dass der Beginn der Kunst und des Erz\u00e4hlens im Mythos wurzelt, im Mysterium, dann ist nicht zu \u00fcbersehen, dass diese Verbindung verlorengegangen ist. Vermutlich hat niemand diesen Verlust anschaulicher geschildert, als der gro\u00dfe hebr\u00e4ische Erz\u00e4hler und Nobelpreistr\u00e4ger von 1966 S. J. Agnon, von dem der Kabbala-Gelehrte Gershom Scholem am Schluss seines Hauptwerkes \u00fcber die j\u00fcdische Mystik[1] berichtet, dass er von ihm die folgende Geschichte \u00fcber das Erz\u00e4hlen und das Feuer geh\u00f6rt habe: Wenn der Baal-shem etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Gesch\u00f6pfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Walde, z\u00fcndete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditation versunken, Gebete \u2013 und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation sp\u00e4ter der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Walde und sagte: \u00bbDas Feuer k\u00f6nnen wir nicht mehr machen, aber die Gebete k\u00f6nnen wir sprechen\u00ab &#8211; und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation sp\u00e4ter sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: \u00bbWir k\u00f6nnen kein Feuer mehr anz\u00fcnden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben, aber wir kennen den Ort im Walde, wo all das hingeh\u00f6rt, und das muss gen\u00fcgen.\u00ab &#8211; Und es gen\u00fcgte. Als aber wieder eine Generation sp\u00e4ter Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu vollbringen hatte, da setzte er sich in seinem Schloss auf seinen goldenen Stuhl und sagte: \u00bbWir k\u00f6nnen kein Feuer machen, wir k\u00f6nnen keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir k\u00f6nnen die Geschichte davon erz\u00e4hlen.\u00ab Und \u2013 so f\u00fcgt der Erz\u00e4hler hinzu \u2013 seine Erz\u00e4hlung allein hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der drei anderen. Nur das Erz\u00e4hlen blieb uns also. Die Literatur, sie ist nicht etwas, das wir mit mal mehr, mal weniger Interesse auf dem Buchmarkt finden k\u00f6nnen. Es ist das, was uns mit dem Mysterium unseres Menschseins verbindet, mit dem Staunen \u00fcber unser Dasein. Wir sind das einzige Tier auf diesem Planeten, das Geschichten erz\u00e4hlt. Und m\u00f6glicherweise sind wir nur deshalb Menschen geworden, weil wir eben dies tun, Geschichten erz\u00e4hlen. Unsere Verbindung mit dem Feuer, der magischen Sprache, m\u00f6gen wir verloren haben, aber erz\u00e4hlen k\u00f6nnen wir noch, von allem, was ist und war, das muss gen\u00fcgen. Zur Wahrheit kommen wir nur durch eine Geschichte. Und jede Erz\u00e4hlung, alle Literatur ist ein Gedenken an den Verlust, der in Agnons Erz\u00e4hlung durch den Verlust des Feuers symbolisiert wird. Erst, wenn wir das Erz\u00e4hlen aufgeben oder gar in Zukunft von der KI erledigen lassen, ist alles verloren. Bleiben Sie gl\u00fccklich,w\u00fcnscht Ihnen Peter H. E. 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