{"id":9288,"date":"2026-08-07T15:45:48","date_gmt":"2026-08-07T13:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/?page_id=9288"},"modified":"2026-08-07T15:50:06","modified_gmt":"2026-08-07T13:50:06","slug":"keine-monster-zu-finden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/?page_id=9288","title":{"rendered":"Keine Monster zu finden"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zu Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab<\/h3>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">von Peter H. E. Gogolin<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">\u00bbDie Welt ist ein sehr mysteri\u00f6ser und verwirrender Ort. Wenn du diese Verwirrung nicht sp\u00fcrst, bist du nur eine Kopie von jemand anderem\u00ab, schrieb der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky. Was nat\u00fcrlich im Umkehrschluss auch hei\u00dft, dass uns die Welt umso fragw\u00fcrdiger wird, je eigenst\u00e4ndiger wir sind und denken. Aus solchem Stoff entstehen die Unangepassten, die Ausgesto\u00dfenen, die Misfits der Gesellschaft, aus denen notfalls Schriftsteller werden k\u00f6nnten, die ihr Leben damit verbringen, diesen mysteri\u00f6sen Ort zu kartographieren. Jean-Paul Sartre hat uns mit seiner gro\u00dfen Studie \u00fcber Jean Genet das Portr\u00e4t eines solchen Ausgesto\u00dfenen hinterlassen. \u00bbSaint Genet, Kom\u00f6diant und M\u00e4rtyrer\u00ab. Genet, der Dieb, der Dichter und Heilige.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"497\" height=\"787\" src=\"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/KM-gloeckler_steine-front.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-8902\" srcset=\"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/KM-gloeckler_steine-front.webp 497w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/KM-gloeckler_steine-front-253x400.webp 253w\" sizes=\"auto, (max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab ist diesem Werk Sartres durchaus an die Seite zu stellen. Nicht weil \u00bbMarto\u00ab, der Protagonist seines Buches, ein Heiliger w\u00e4re. Er ist im Gegenteil ein vielfacher M\u00f6rder. Oder weil ihm mitunter das Schreiben als Medium dient, den f\u00fcr ihn mehr und mehr undurchdringlich werdenden Dschungel seiner Umwelt und seines Denkens zu erhellen, sondern weil Gl\u00f6ckler wie Sartre eine Antwort auf die Frage versucht: Was ist der Mensch? Und seine poetische Prosa besitzt dabei eine sprachliche Trennsch\u00e4rfe, die ihresgleichen sucht. Die analytische Kraft seiner Darstellung seziert Matos Bewusstsein ebenso gnadenlos und vielschichtig wie die Strukturen und das Verhalten seiner Umwelt. All das stellt sein Buch f\u00fcr mich auf die Stufe von Sartres brillanter biografischen Studie. Empfindsame Leser, die es auf unserem Planeten der Massaker ja noch geben soll, m\u00f6gen diesen Hinweis durchaus als Warnung verstehen. Denn Gl\u00f6cklers Charakter-Schilderungen sind meilenweit entfernt von all diesen netten Leuten, die ja immer etwas Leeres und Bedeutungsloses an sich haben, wie die Charaktere oberfl\u00e4chlicher und gef\u00e4lliger Romanschreiber es eben haben. Wer Gl\u00f6ckler liest, wagt den Blick in einen Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ausgehend von dem realen Fall eines Mannes, der 1987 in Portugal sieben Menschen in knapp drei Stunden t\u00f6tete, begibt sich Ralph Roger Gl\u00f6ckler in diesen Abgrund, um die Taten zu verstehen. Wohlgemerkt, um zu verstehen, nicht um zu bewerten und abzuurteilen. Und auch das muss man wissen: Gl\u00f6cklers Buch darf nicht mit einem Kriminalroman auf der banalen Suche nach einem T\u00e4ter und seinem Motiv verwechselt werden. Es ist vielmehr eine beklemmend schmerzhafte Erkundung des Menschseins und seiner Grenzen, eine Reise auf die andere, dunkle Seite der Vernunft. Eine Reise, der es nat\u00fcrlich um Wahrheit geht, paradoxerweise im Einklang mit dem T\u00e4ter auf dem Weg zu seiner ungeheuerlichen Tat. Denn auch er, dem die sonst so selbstverst\u00e4ndlichen Grundlagen der Welt und seine Beziehungen zu den Menschen br\u00fcchig und deshalb unglaubw\u00fcrdig geworden sind, fragt sich permanent, ob es wahr ist, ob er glauben kann, was er erlebt und die anderen ihm mitteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Wollte man Gl\u00f6cklers sprachm\u00e4chtiges Werk unter eine \u00dcberschrift stellen, so m\u00fcsste sie wohl hei\u00dfen: Wie f\u00fchlt es sich an, ein Massenm\u00f6rder zu sein? Beziehungsweise auf dem Weg zum Massenm\u00f6rder zu sein, also, demn\u00e4chst einer zu werden. Wir wollen vorsichtig sein, zumindest nicht leichtfertig, denn der Abstieg in das Bewusstsein eines Menschen, den der Autor hier unternimmt, ist eine schwierige und dunkle Sache, auch wenn die Richter Adolf Eichmanns dort kaum etwas anderes als Abfahrtzeiten von Z\u00fcgen, Transportlisten und Staub auf dem Schreibtisch vorgefunden haben. Allerdings fanden sie auch nichts, was Hannah Arendts Diktum, Eichmann habe sich au\u00dferhalb der Menschheit gestellt, gerechtfertigt h\u00e4tte; im Gegenteil, er h\u00e4tte die B\u00fcrokraten aller L\u00e4nder hinter sich vereinen und anf\u00fchren k\u00f6nnen. So einfach ist das also nicht. Nein, alles, was hier zu Tage gef\u00f6rdert wird, ist zutiefst menschlich. Nichts gestattet uns, den T\u00e4ter als fremd und unverst\u00e4ndlich zur\u00fcckzuweisen. Das ist vielleicht die schmerzhafteste Erkenntnis, die Gl\u00f6cklers Buch f\u00fcr den Leser bereith\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">So wenig einfach dem Leser die Lekt\u00fcre dieses Buches vorkommen mag, so wenig einfach hat es sich der Autor gemacht, um sich diesem schwierigen Stoff zu n\u00e4hern. In einem Interview schilderte er, dass er nach den Morden allein drei Jahre ben\u00f6tigte, bis er in der Lage war, sich auf das Thema einzulassen. \u00bbEs stellte sich dann die Frage, womit bei der Recherche anfangen: Zuerst einmal viele Zeitungsberichte lesen, herausfinden, wer welche Rolle spielte. Dann fiel mir der Priester auf, der dem Mann nach der Gefangennahme die Beichte abnahm. Ich setzte mich mit ihm in Verbindung, traf ihn zu langen Gespr\u00e4chen \u00fcber den T\u00e4ter und fuhr mit ihm an einige der Tatorte. Es gelang mir, den Verteidiger und den psychiatrischen Gutachter der Verteidigung zu sprechen, einen Gef\u00e4ngnispsychiater und sp\u00e4ter die Mutter des M\u00f6rders. Irgendwann hatte ich den Wunsch, den Mann selbst zu treffen. \u2026 Ich war so k\u00fchn, ihm einen Brief zu schreiben und meinen Besuch anzuk\u00fcndigen. Nat\u00fcrlich wurde der Brief abgefangen und mir bedeutet, dass ich kein Recht h\u00e4tte, zu kommen. \u2026 Es war mein Gl\u00fcck, dass ich es \u00fcber Bekannte im Justizministerium erreichte, eine Besuchsgenehmigung zu erhalten. So konnte ich den Mann verschiedentlich aufsuchen und mit ihm sprechen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Mich erinnerte das an die Vorgehensweise Truman Capotes bei der Arbeit an seinem ber\u00fchmten Roman \u00bbKaltbl\u00fctig\u00ab. Trotz dieser umfangreichen auf Fakten gerichteten Recherchen ist Gl\u00f6cklers Buch keine Dokumentation. Es ist ein Roman oder, wie er erg\u00e4nzend im Interview verdeutlichte, \u00bbeine auf Fakten basierende Fiktion\u00ab, bei der der Leser sich ganz in die Sprache hineinbegeben muss. In eine Sprache freilich, die, auch wenn sie naturgem\u00e4\u00df die kunstvolle Sprache des Autors ist, auf eine den Leser leitende Erz\u00e4hlerinstanz verzichtet und vollst\u00e4ndig aus der personalen Perspektive der auftretenden Figuren erz\u00e4hlt. Eine Erz\u00e4hlform, die den Autor ganz zur\u00fccknimmt und die einzelnen Figuren zu Wort kommen l\u00e4sst, in Gedanken, w\u00f6rtlicher Rede, Inneren Monologen usw. \u00bbDas ist kein Kunstgriff,\u00ab sagt Gl\u00f6ckler, \u00bbich wollte gar nichts anderes, als in diese schwierige Seele einzusteigen, jenseits aller Moral und gesellschaftlichen Selbstgerechtigkeit. Es hat zwanzig Jahre und einige Krisen gedauert, bis ich zu dieser Form gefunden habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Heimisch und ganz und gar unter Seinesgleichen f\u00fchlt sich vermutlich nur der Replikant in einer Welt voller Replikanten. Der Schmerz des Andersseins bliebe uns erspart, als Doppelg\u00e4nger unter lauter identischen Doppelg\u00e4ngern. Womit auch das Problem des st\u00f6renden, qu\u00e4lenden Bewusstseins gel\u00f6st w\u00e4re, denn um zu Bewusstsein zu gelangen, von sich selbst und den Anderen, braucht es die Differenz. Und die Literatur verl\u00f6re dann ihre wichtigste Funktion, ist doch die Literatur ein angstfreier Raum, der virtuelles Probehandeln erm\u00f6glicht. Der Ort, der gestattet, Gedanken zu denken und lesend Handlungen zu erproben, die man in der realen Welt weder zu denken noch zu tun wagen k\u00f6nnte\/d\u00fcrfte. Es geht in Gl\u00f6cklers Buch also um die Grenze, die wir gew\u00f6hnlich nicht \u00fcberschreiten, um den Zaun zwischen Zivilisation und Wildnis auch, der, wenn wir ihn missachten und die Seite wechseln, uns vergessen l\u00e4sst, wer wir sind. Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab f\u00fchrt so nahe an diesen Zaun heran, wie es nur m\u00f6glich ist. Lesen Sie ihn! Wenn Sie alles, was Sie in Ihrem Leben je gelesen haben, vergessen, dieses Buch vergessen Sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ralph Roger Gl\u00f6ckler: \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab, Roman, 195 Seite, geb., Kulturmaschinen Verlag, Ochsenfurt, ISBN 9783967 633474, 25,00 Euro<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab von Peter H. E. Gogolin \u00bbDie Welt ist ein sehr mysteri\u00f6ser und verwirrender Ort. Wenn du diese Verwirrung nicht sp\u00fcrst, bist du nur eine Kopie von jemand anderem\u00ab, schrieb der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky. Was nat\u00fcrlich im Umkehrschluss auch hei\u00dft, dass uns die Welt umso fragw\u00fcrdiger wird, je eigenst\u00e4ndiger wir sind und denken. Aus solchem Stoff entstehen die Unangepassten, die Ausgesto\u00dfenen, die Misfits der Gesellschaft, aus denen notfalls Schriftsteller werden k\u00f6nnten, die ihr Leben damit verbringen, diesen mysteri\u00f6sen Ort zu kartographieren. Jean-Paul Sartre hat uns mit seiner gro\u00dfen Studie \u00fcber Jean Genet das Portr\u00e4t eines solchen Ausgesto\u00dfenen hinterlassen. \u00bbSaint Genet, Kom\u00f6diant und M\u00e4rtyrer\u00ab. Genet, der Dieb, der Dichter und Heilige. Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab ist diesem Werk Sartres durchaus an die Seite zu stellen. Nicht weil \u00bbMarto\u00ab, der Protagonist seines Buches, ein Heiliger w\u00e4re. Er ist im Gegenteil ein vielfacher M\u00f6rder. Oder weil ihm mitunter das Schreiben als Medium dient, den f\u00fcr ihn mehr und mehr undurchdringlich werdenden Dschungel seiner Umwelt und seines Denkens zu erhellen, sondern weil Gl\u00f6ckler wie Sartre eine Antwort auf die Frage versucht: Was ist der Mensch? Und seine poetische Prosa besitzt dabei eine sprachliche Trennsch\u00e4rfe, die ihresgleichen sucht. Die analytische Kraft seiner Darstellung seziert Matos Bewusstsein ebenso gnadenlos und vielschichtig wie die Strukturen und das Verhalten seiner Umwelt. All das stellt sein Buch f\u00fcr mich auf die Stufe von Sartres brillanter biografischen Studie. Empfindsame Leser, die es auf unserem Planeten der Massaker ja noch geben soll, m\u00f6gen diesen Hinweis durchaus als Warnung verstehen. Denn Gl\u00f6cklers Charakter-Schilderungen sind meilenweit entfernt von all diesen netten Leuten, die ja immer etwas Leeres und Bedeutungsloses an sich haben, wie die Charaktere oberfl\u00e4chlicher und gef\u00e4lliger Romanschreiber es eben haben. Wer Gl\u00f6ckler liest, wagt den Blick in einen Abgrund. Ausgehend von dem realen Fall eines Mannes, der 1987 in Portugal sieben Menschen in knapp drei Stunden t\u00f6tete, begibt sich Ralph Roger Gl\u00f6ckler in diesen Abgrund, um die Taten zu verstehen. Wohlgemerkt, um zu verstehen, nicht um zu bewerten und abzuurteilen. Und auch das muss man wissen: Gl\u00f6cklers Buch darf nicht mit einem Kriminalroman auf der banalen Suche nach einem T\u00e4ter und seinem Motiv verwechselt werden. Es ist vielmehr eine beklemmend schmerzhafte Erkundung des Menschseins und seiner Grenzen, eine Reise auf die andere, dunkle Seite der Vernunft. Eine Reise, der es nat\u00fcrlich um Wahrheit geht, paradoxerweise im Einklang mit dem T\u00e4ter auf dem Weg zu seiner ungeheuerlichen Tat. Denn auch er, dem die sonst so selbstverst\u00e4ndlichen Grundlagen der Welt und seine Beziehungen zu den Menschen br\u00fcchig und deshalb unglaubw\u00fcrdig geworden sind, fragt sich permanent, ob es wahr ist, ob er glauben kann, was er erlebt und die anderen ihm mitteilen. Wollte man Gl\u00f6cklers sprachm\u00e4chtiges Werk unter eine \u00dcberschrift stellen, so m\u00fcsste sie wohl hei\u00dfen: Wie f\u00fchlt es sich an, ein Massenm\u00f6rder zu sein? Beziehungsweise auf dem Weg zum Massenm\u00f6rder zu sein, also, demn\u00e4chst einer zu werden. Wir wollen vorsichtig sein, zumindest nicht leichtfertig, denn der Abstieg in das Bewusstsein eines Menschen, den der Autor hier unternimmt, ist eine schwierige und dunkle Sache, auch wenn die Richter Adolf Eichmanns dort kaum etwas anderes als Abfahrtzeiten von Z\u00fcgen, Transportlisten und Staub auf dem Schreibtisch vorgefunden haben. Allerdings fanden sie auch nichts, was Hannah Arendts Diktum, Eichmann habe sich au\u00dferhalb der Menschheit gestellt, gerechtfertigt h\u00e4tte; im Gegenteil, er h\u00e4tte die B\u00fcrokraten aller L\u00e4nder hinter sich vereinen und anf\u00fchren k\u00f6nnen. So einfach ist das also nicht. Nein, alles, was hier zu Tage gef\u00f6rdert wird, ist zutiefst menschlich. Nichts gestattet uns, den T\u00e4ter als fremd und unverst\u00e4ndlich zur\u00fcckzuweisen. Das ist vielleicht die schmerzhafteste Erkenntnis, die Gl\u00f6cklers Buch f\u00fcr den Leser bereith\u00e4lt. So wenig einfach dem Leser die Lekt\u00fcre dieses Buches vorkommen mag, so wenig einfach hat es sich der Autor gemacht, um sich diesem schwierigen Stoff zu n\u00e4hern. In einem Interview schilderte er, dass er nach den Morden allein drei Jahre ben\u00f6tigte, bis er in der Lage war, sich auf das Thema einzulassen. \u00bbEs stellte sich dann die Frage, womit bei der Recherche anfangen: Zuerst einmal viele Zeitungsberichte lesen, herausfinden, wer welche Rolle spielte. Dann fiel mir der Priester auf, der dem Mann nach der Gefangennahme die Beichte abnahm. Ich setzte mich mit ihm in Verbindung, traf ihn zu langen Gespr\u00e4chen \u00fcber den T\u00e4ter und fuhr mit ihm an einige der Tatorte. Es gelang mir, den Verteidiger und den psychiatrischen Gutachter der Verteidigung zu sprechen, einen Gef\u00e4ngnispsychiater und sp\u00e4ter die Mutter des M\u00f6rders. Irgendwann hatte ich den Wunsch, den Mann selbst zu treffen. \u2026 Ich war so k\u00fchn, ihm einen Brief zu schreiben und meinen Besuch anzuk\u00fcndigen. Nat\u00fcrlich wurde der Brief abgefangen und mir bedeutet, dass ich kein Recht h\u00e4tte, zu kommen. \u2026 Es war mein Gl\u00fcck, dass ich es \u00fcber Bekannte im Justizministerium erreichte, eine Besuchsgenehmigung zu erhalten. So konnte ich den Mann verschiedentlich aufsuchen und mit ihm sprechen.\u00ab Mich erinnerte das an die Vorgehensweise Truman Capotes bei der Arbeit an seinem ber\u00fchmten Roman \u00bbKaltbl\u00fctig\u00ab. Trotz dieser umfangreichen auf Fakten gerichteten Recherchen ist Gl\u00f6cklers Buch keine Dokumentation. Es ist ein Roman oder, wie er erg\u00e4nzend im Interview verdeutlichte, \u00bbeine auf Fakten basierende Fiktion\u00ab, bei der der Leser sich ganz in die Sprache hineinbegeben muss. In eine Sprache freilich, die, auch wenn sie naturgem\u00e4\u00df die kunstvolle Sprache des Autors ist, auf eine den Leser leitende Erz\u00e4hlerinstanz verzichtet und vollst\u00e4ndig aus der personalen Perspektive der auftretenden Figuren erz\u00e4hlt. Eine Erz\u00e4hlform, die den Autor ganz zur\u00fccknimmt und die einzelnen Figuren zu Wort kommen l\u00e4sst, in Gedanken, w\u00f6rtlicher Rede, Inneren Monologen usw. \u00bbDas ist kein Kunstgriff,\u00ab sagt Gl\u00f6ckler, \u00bbich wollte gar nichts anderes, als in diese schwierige Seele einzusteigen, jenseits aller Moral und gesellschaftlichen Selbstgerechtigkeit. Es hat zwanzig Jahre und einige Krisen gedauert, bis ich zu dieser Form gefunden habe.\u00ab Heimisch und ganz und gar unter Seinesgleichen f\u00fchlt sich vermutlich nur der Replikant in einer Welt voller Replikanten. Der Schmerz des Andersseins bliebe uns erspart, als Doppelg\u00e4nger unter lauter identischen Doppelg\u00e4ngern. Womit auch das Problem des st\u00f6renden, qu\u00e4lenden Bewusstseins gel\u00f6st w\u00e4re, denn um zu Bewusstsein zu gelangen, von sich selbst und den Anderen, braucht es die Differenz. Und die Literatur verl\u00f6re dann ihre wichtigste Funktion, ist doch die Literatur ein angstfreier Raum, der virtuelles Probehandeln erm\u00f6glicht. Der Ort, der gestattet, Gedanken zu denken und lesend Handlungen zu erproben, die man in der realen Welt weder zu denken noch zu tun wagen k\u00f6nnte\/d\u00fcrfte. Es geht in Gl\u00f6cklers Buch also um die Grenze, die wir gew\u00f6hnlich nicht \u00fcberschreiten, um den Zaun zwischen Zivilisation und Wildnis auch, der, wenn wir ihn missachten und die Seite wechseln, uns vergessen l\u00e4sst, wer wir sind. Ralph Roger Gl\u00f6cklers Roman \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab f\u00fchrt so nahe an diesen Zaun heran, wie es nur m\u00f6glich ist. Lesen Sie ihn! Wenn Sie alles, was Sie in Ihrem Leben je gelesen haben, vergessen, dieses Buch vergessen Sie nicht. Ralph Roger Gl\u00f6ckler: \u00bbDas \u00c4chzen der Steine\u00ab, Roman, 195 Seite, geb., Kulturmaschinen Verlag, Ochsenfurt, ISBN 9783967 633474, 25,00 Euro<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":9156,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-9288","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9288"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9292,"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9288\/revisions\/9292"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/9156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}