{"id":9389,"date":"2026-09-01T21:48:41","date_gmt":"2026-09-01T19:48:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/?page_id=9389"},"modified":"2026-09-01T21:48:41","modified_gmt":"2026-09-01T19:48:41","slug":"auf-beiden-seiten-des-leviathans","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/?page_id=9389","title":{"rendered":"Auf beiden Seiten des Leviathans"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ann\u00e4herung an Mati Shemoelofs Gedichtband: \u00bbDas kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe\u00ab, &#8211; ein Versuch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">von Peter H. E. Gogolin (in eXperimenta 10\/2023, S. 15-19)<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie schreibt man \u00fcber den Krieg, dieses menschenfressende Tier, \u00fcber das Milit\u00e4r, noch dazu im Gedicht? Gibt es da eine angemessene oder wenigstens zutreffende Weise, um Worte zu finden, die nicht zwangsl\u00e4ufig zu weit hinter der Realit\u00e4t zur\u00fcckbleiben m\u00fcssen, um wahr sein zu k\u00f6nnen?<br><br>Vielleicht so, wie Mati Shemoelof es im dritten Poem seines neuen Gedichtbandes tut. Da hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Weinen des Soldaten und das Weinen des Besiegten<br>lassen sich niemals vergleichen<br>und dennoch weinen sie beide heute Nacht<br>und nur die Erde wei\u00df zu unterscheiden<br>welche Dichter mit ihren Tr\u00e4nen<br>und welche mit ihren F\u00e4usten schreiben<br>das Gedicht, das heut Nacht auf beiden Seiten des Leviathans<br>entstand<br>durchquert den Himmel:<br>ihm war das Wort \u00bbGrenze\u00ab<br>noch nie ein Begriff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, denke ich, so k\u00f6nnte es gehen. Und ich denke, dass Shemoelof wohl den Soldaten und den Besiegten in seinem Gedicht nicht auf den gegnerischen Seiten des Leviathans sieht, lebt er doch qua Geburt als arabisch-j\u00fcdischer Autor gezwungenerma\u00dfen selbst auf beiden Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun handelt sein Gedichtband durchaus nicht nur vom Krieg, aber das dritte der insgesamt f\u00fcnf Poeme seines neuen Bandes widmet der Dichter auf eindrucksvolle Weise seiner Zeit in der Armee, und es spricht wohl f\u00fcr sich, dass mich seine Verse unter der Lekt\u00fcre so sehr betroffen haben, dass ich selbst in die Vergangenheit zur\u00fcckgereist bin. Als ich die Verszeile las<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du verschlampst deine pers\u00f6nliche Erkennungsmarke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">kramte ich, ganz hinten, aus der untersten Schreibtischschublade meine eigene Erkennungsmarke hervor. Ja, tats\u00e4chlich, es ist alles noch da, der sogenannte Wehrpass, der Bekleidungsnachweis f\u00fcr meine Kampfausstattung, die Schulterst\u00fccke mit den Dienstgradabzeichen und eben auch die Erkennungsmarke. Durch die eingestanzte Nummer 30815 h\u00e4tte man wohl im Falle des Todes meine Identit\u00e4t rekonstruieren k\u00f6nnen, damals, vor 50 Jahren, als ich dieses Ding um den blo\u00dfen Hals trug.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8398\" srcset=\"https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-300x400.jpeg 300w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-1000x1333.jpeg 1000w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-230x307.jpeg 230w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-350x467.jpeg 350w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-480x640.jpeg 480w, https:\/\/www.peter-gogolin.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_0612-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch sein Gedichtband ist solch ein Versuch der Rekonstruktion der eigenen Identit\u00e4t. Wieviel Tode er zuvor hat sterben m\u00fcssen, die Verse lassen es erahnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gedichteschreiben bedeutet Dreck in der Bauchh\u00f6hle des Leviathans<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">schreibt Mati Shemoelof<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">es ist eine Operation am offenen Herzen der Poesie, der<br>Dichter spielt<br>alle Rollen, ist: Chirurg und Patient<br>der Angeh\u00f6rige, der voller Sorge drau\u00dfen vor der T\u00fcr wartet<br>der Sanit\u00e4ter, der die Leiche ins K\u00fchlhaus bringt<br>der Bestatter, der den Toten beerdigt<br>der Journalist, der \u00fcber den Soldaten schreibt, der sich das<br>Leben nimmt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe in meinen Romanen viel \u00fcber den Krieg geschrieben, ein Gedicht jedoch niemals. Und auch \u00fcber einen einzelnen Soldaten schrieb ich nicht. Das dritte Poem in Shemoelofs kleinen, gro\u00dfartigen Gedichtband hat mir die Augen daf\u00fcr ge\u00f6ffnet, dass ich es wohl endlich tun muss. \u00c4hnlich bewegt hat mich ein Gedicht noch nie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dichter Mati Shemoelof ist 1972, als ich bereits seit zwei Jahren Soldat war, in Haifa geboren worden. Er ist arabisch-j\u00fcdischer Herkunft. In Israel hat er insgesamt 10 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht: sieben Gedichtb\u00e4nde, eine Sammlung mit Kurzgeschichten, einen Essayband und einen Roman, den ich gern lesen w\u00fcrde. Seit zehn Jahren lebt er in Berlin, wo er erwartet, vom \u00bbGott der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde\u00ab gerichtet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wie gesagt, der Gedichtband \u00bbDas kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe\u00ab versammelt insgesamt f\u00fcnf Poeme. Es sind autobiographische Langgedichte, die im Original auf Hebr\u00e4isch geschrieben sind und mit einer 19strophigen sprachm\u00e4chtigen Erinnerungssequenz beginnen, in der der Dichter das Bild seines verstorbenen Vater beschw\u00f6rt, der als Verk\u00e4ufer im \u00bbK\u00f6nigreich der Armut\u00ab lebte,\u00bbin den verdreckten Stra\u00dfen der Unterstadt von Haifa.\u00ab <br>Was in diesem ersten Poem entsteht, das der Dichter \u00bbVom Spinnen eines K\u00f6nigreichs der Armut in der Unterstadt der Poesie\u00ab betitelt, ist nicht weniger als das zum bleibenden Bild gewordene Wort. Und damit zum \u00dcberleben des Vaters im Buch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt verstehe ich &#8211; nicht du h\u00e4ltst das Buch in H\u00e4nden<br>sondern es ist das Buch, das dich am Leben erh\u00e4lt<br>darum schreibe ich noch ein Buch, das auch mich halten mag<br>und eines Tages werde ich selbst zum Wort<br>auf einem Blatt, ein Foto, fallendes Laub.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dichter unternimmt hier das, was Paul Auster meint, wenn er schreibt: \u00bbDie Toten k\u00f6nnen nicht ins Leben zur\u00fcckgeholt werden. Aber sie k\u00f6nnen geh\u00f6rt werden, und ihre Stimmen leben im Buch.\u00ab<br>Schreiben ist Totensuche, denke ich, wenn es mehr und anderes sein will, als beliebiges Futter f\u00fcr eine Unterhaltungsindustrie, Leser bedient, die keine Augen mehr haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Eingangstor des Bandes, dem Erinnerungsgedicht an den Vater, steht in der Symmetrie des f\u00fcnfteiligen Gedichtbandes am Ende der f\u00fcnfte Teil gegen\u00fcber. \u00bbKann mich nicht niederwerfen aufs Grab meiner Gro\u00dfmutter\u00ab betitelt Shemoelof dies f\u00fcnfte Poem, mit dem er zugleich in der Gegenwart unserer Corona-Jahre angekommen ist, denn an der Beerdigung der Gro\u00dfmutter Rachel Chasas, die am 22.3.2020, dem 2. Nissan 5780, starb, hat er nicht teilnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Grab des Gedichts \u00f6ffnet sich und schlie\u00dft sich wieder<br>du willst ihr ein Abschiedslied auf Aram\u00e4isch singen<br>das Hirn des Herzens zerbirst &#8211; so klar ist die Erinnerung,<br>wie sie lacht<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben also mit diesem Gedichtband auch ein Familienportr\u00e4t vor uns, das dem vertriebenen Dichter in der haltlosen Welt zur Selbstvergewisserung dient. Wie sehr wir uns darin alle \u00e4hnlich sind, habe ich nicht zuletzt durch die \u00bbSinger-N\u00e4hmaschine\u00ab erkennen m\u00fcssen, durch diese \u00bbunentwegt rappelnde, surrende Zeitmaschine\u00ab der Gro\u00dfmutter, die im Hause meiner eigenen Gro\u00dfmutter im ungeheizten Zimmer meiner Geburt stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass neben so viel Vergangenheit, Verlust und Tod doch das Leben seinen Platz behaupten kann, verdankt sich dem zweiten Poem im Band, das Shemoelof \u00bbDie Poesie erreicht den Krei\u00dfsaal\u00ab \u00fcberschrieben hat. Es ist der Geburt der Tochter gewidmet, durch die sein Gedicht \u00bbeine ganz neue G\u00fcte des Geschriebenen\u00ab erreicht, wie es im Eingangsvers dieses Oems hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kenne ein M\u00e4dchen, das mir eine Heimat schenkt<br>ich kenne ein M\u00e4dchen, das in meine Poesie einging<br>ich kenne eine Kleine, mit der ich in einer uralten Sprache<br>rede, ihr jeden Tag Worte einer neuen Liebe zu sagen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach diesem zweiten Poem, das f\u00fcr mich zum Sch\u00f6nsten des ganzen Bandes geh\u00f6rt, folgt seltsamerweise das bereits eingangs vorgestellte dritte, in dem Mati Shemoelof seine Zeit beim Milit\u00e4r reflektiert. Aber vielleicht liegt es an mir, wenn ich diese Reihenfolge der Poeme nicht unbedingt schl\u00fcssig finde. Es gibt durchaus eine m\u00f6gliche Verbindung, die dazu gef\u00fchrt haben mag, dass auf die Geburt der Tochter der Milit\u00e4rdienst folgt, denn der Dichter versucht im dritten Teil auch seinen ethischen Standort zu bestimmen, der letztlich &#8211; das kenntnisreiche Nachwort von Yochai Oppenheimer kl\u00e4rt dar\u00fcber auf &#8211; dazu gef\u00fchrt hat, dass er sich als Soldat in einem Panzerkorps am St\u00fctzpunkt in Ma\u2019ale Adumim dem Dienst in den besetzten Gebieten verweigerte. Was k\u00f6nnte zwingender die Fragen nach der eigenen Verantwortung wachrufen, als die Geburt neuen Lebens?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich beeindruckt diese Verweigerung auch deshalb, weil ich selbst wohl anders reagiert h\u00e4tte. Ich hatte vor Jahren am Jerusalem-Tag an der Westmauer, der sogenannten Klagemauer, gebetet und sp\u00e4ter meinem \u00e4ltesten Sohn davon erz\u00e4hlt. Ja, sagte er, im selben Jahr war auch ich dort, aber mich haben die vielen Waffen gest\u00f6rt, wie kann man so zum Beten gehen? Mich hat seine Haltung damals ge\u00e4rgert. Nat\u00fcrlich haben die Soldaten ihre Waffen bei sich, antwortete ich meinem Sohn. Und mich beruhigt das eher, denn ich bin sicher, diese Generation wird sich von niemandem vernichten lassen. Die Aggressivit\u00e4t, mit der ich das sagte, kann ich heute noch sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun, die beiden F\u00e4lle sind nicht vergleichbar. Und inzwischen hat das verheerende Zeitgeschehen mit dem Krieg in Gaza alles eingeholt und weit, weit \u00fcberholt. Der Dichter Mati Shemoelof lebt l\u00e4ngst im Kibbuz Berlin, wovon er im vierten seiner Poeme erz\u00e4hlt. \u00bbBabylon-Berlin &#8211; Du sollst den Turm zu Babel lieben mit ganzem Herzen und in gebrochener Sprache\u00ab hat er es \u00fcberschrieben. Wie kann das gehen? denke ich, w\u00e4hrend ich nochmal den schmalen und doch so m\u00e4chtigen Band seiner Gedichte durchbl\u00e4ttere, um zu sehen, ob ich etwas vergessen habe. Das \u00bbkleine Boot in meiner Hand\u00ab f\u00e4llt mir ein, aber ich denke, nein, das erkl\u00e4rst du nicht, das sollen die Leser selbst herausfinden. Und dann stoppt der bl\u00e4tternde Daumen bei der Verszeile \u00bbIch habe Angst vor denen, die mich in die Sprachlosigkeit dr\u00e4ngen\u00ab. Ja, das kenne ich auch. Und nicht erst seit Gaza, schon der Beginn des Ukraine-Krieges hat mich in solch eine Sprachlosigkeit getrieben. Deshalb bin ich Mati Shemoelof dankbar f\u00fcr seine Gedichte, die so offen seine Narben herzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Mati Shemoelof: \u00bbDas kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe\u00ab, aus dem Hebr\u00e4ischen von Gundula Schiffer. Mit einem Nachwort von Yochai Oppenheimer, parasitenpresse, K\u00f6ln, 2023, Tabu 88 Seiten, 12,00 Euro<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ann\u00e4herung an Mati Shemoelofs Gedichtband: \u00bbDas kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe\u00ab, &#8211; ein Versuch von Peter H. E. Gogolin (in eXperimenta 10\/2023, S. 15-19) Wie schreibt man \u00fcber den Krieg, dieses menschenfressende Tier, \u00fcber das Milit\u00e4r, noch dazu im Gedicht? Gibt es da eine angemessene oder wenigstens zutreffende Weise, um Worte zu finden, die nicht zwangsl\u00e4ufig zu weit hinter der Realit\u00e4t zur\u00fcckbleiben m\u00fcssen, um wahr sein zu k\u00f6nnen? Vielleicht so, wie Mati Shemoelof es im dritten Poem seines neuen Gedichtbandes tut. 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Der Dichter Mati Shemoelof ist 1972, als ich bereits seit zwei Jahren Soldat war, in Haifa geboren worden. Er ist arabisch-j\u00fcdischer Herkunft. In Israel hat er insgesamt 10 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht: sieben Gedichtb\u00e4nde, eine Sammlung mit Kurzgeschichten, einen Essayband und einen Roman, den ich gern lesen w\u00fcrde. Seit zehn Jahren lebt er in Berlin, wo er erwartet, vom \u00bbGott der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde\u00ab gerichtet zu werden. Aber wie gesagt, der Gedichtband \u00bbDas kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe\u00ab versammelt insgesamt f\u00fcnf Poeme. Es sind autobiographische Langgedichte, die im Original auf Hebr\u00e4isch geschrieben sind und mit einer 19strophigen sprachm\u00e4chtigen Erinnerungssequenz beginnen, in der der Dichter das Bild seines verstorbenen Vater beschw\u00f6rt, der als Verk\u00e4ufer im \u00bbK\u00f6nigreich der Armut\u00ab lebte,\u00bbin den verdreckten Stra\u00dfen der Unterstadt von Haifa.\u00ab Was in diesem ersten Poem entsteht, das der Dichter \u00bbVom Spinnen eines K\u00f6nigreichs der Armut in der Unterstadt der Poesie\u00ab betitelt, ist nicht weniger als das zum bleibenden Bild gewordene Wort. Und damit zum \u00dcberleben des Vaters im Buch. Jetzt verstehe ich &#8211; nicht du h\u00e4ltst das Buch in H\u00e4ndensondern es ist das Buch, das dich am Leben erh\u00e4ltdarum schreibe ich noch ein Buch, das auch mich halten magund eines Tages werde ich selbst zum Wortauf einem Blatt, ein Foto, fallendes Laub. Der Dichter unternimmt hier das, was Paul Auster meint, wenn er schreibt: \u00bbDie Toten k\u00f6nnen nicht ins Leben zur\u00fcckgeholt werden. Aber sie k\u00f6nnen geh\u00f6rt werden, und ihre Stimmen leben im Buch.\u00abSchreiben ist Totensuche, denke ich, wenn es mehr und anderes sein will, als beliebiges Futter f\u00fcr eine Unterhaltungsindustrie, Leser bedient, die keine Augen mehr haben. Dem Eingangstor des Bandes, dem Erinnerungsgedicht an den Vater, steht in der Symmetrie des f\u00fcnfteiligen Gedichtbandes am Ende der f\u00fcnfte Teil gegen\u00fcber. \u00bbKann mich nicht niederwerfen aufs Grab meiner Gro\u00dfmutter\u00ab betitelt Shemoelof dies f\u00fcnfte Poem, mit dem er zugleich in der Gegenwart unserer Corona-Jahre angekommen ist, denn an der Beerdigung der Gro\u00dfmutter Rachel Chasas, die am 22.3.2020, dem 2. Nissan 5780, starb, hat er nicht teilnehmen k\u00f6nnen. 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Mich hat seine Haltung damals ge\u00e4rgert. Nat\u00fcrlich haben die Soldaten ihre Waffen bei sich, antwortete ich meinem Sohn. Und mich beruhigt das eher, denn ich bin sicher, diese Generation wird sich von niemandem vernichten lassen. Die Aggressivit\u00e4t, mit der ich das sagte, kann ich heute noch sp\u00fcren. Nun, die beiden F\u00e4lle sind nicht vergleichbar. Und inzwischen hat das verheerende Zeitgeschehen mit dem Krieg in Gaza alles eingeholt und weit, weit \u00fcberholt. Der Dichter Mati Shemoelof lebt l\u00e4ngst im Kibbuz Berlin, wovon er im vierten seiner Poeme erz\u00e4hlt. \u00bbBabylon-Berlin &#8211; Du sollst den Turm zu Babel lieben mit ganzem Herzen und in gebrochener Sprache\u00ab hat er es \u00fcberschrieben. Wie kann das gehen? denke ich, w\u00e4hrend ich nochmal den schmalen und doch so m\u00e4chtigen Band seiner Gedichte durchbl\u00e4ttere, um zu sehen, ob ich etwas vergessen habe. 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