Stahlwerkstraße
Die Stahlwerkstraße 44 in der Dortmunder Nordstadt im historischen Borsigplatz-Viertel, direkt westlich des ehemaligen Geländes der Westfalenhütte (Hoesch). Das Haus und das umgebende Viertel ist der ist der reale historische Schauplatz meines autobiographischen Romans Stahlwerkstraße, der in den Jahren 1963 und 1964 spielt.

Sommer 1964 im Ruhrgebiet. Der 14jährige Bergmannssohn Johannes Stein entdeckt die Welt: das Kino, in der Stadtbücherei die Literatur, die Jazz-Musik und durch die Frisörgehilfin Vera seine erste Verliebtheit. Die Sommerferien haben begonnen, und es könnte das glücklichste Jahr seines bisherigen Lebens werden.
Doch während der aktuellen ‚Wochenschau‘ im AKI-Kino am Hauptbahnhof erfährt er erstmals etwas über den Holocaust, da ein Filmausschnitt vom Frankfurter Auschwitz-Prozess, der im Jahr zuvor begonnen hat, berichtet. Er sieht Bilder von ausgebomten Städten, Bagger, die nackte Leichen in Gruben schieben und in der Gerichtsszene einer Zeugenvernehmung erkennt er einen Nachbarn. Es ist Widowsky aus dem Erdgeschoss, ein Arbeitskollege seines Vaters, der als Sanitäter auf der Zeche Gneisenau arbeitet. Widowsky gesteht, auf Befehl Häftlingen Todesspritzen gegeben zu haben.
Johannes Stein beginnt in der Folgezeit zu begreifen, was ihm sowohl von den eigenen Eltern, Verwandten als auch in der Schule verschwiegen worden ist, obwohl die Spuren der Katastrophe überall sichtbar waren und nach wie vor sind: von den städtischen Trümmergrundstücken, auf denen er als Kind gespielt hat, bis zur Blutgruppentätowierung seines Schulleiters, eines ehemaligen SS-Mannes, der auf den Landkarten des Erdkundeunterrichts gern zeigte, „bis wohin unsere Panzerverbände vorgerückt sind“.
Er versteht erstmals auch die Häftlingsnummer auf dem Arm seines Vaters, die von einem nachträglich darüber tätowierten Herz nur schlecht verdeckt wird. Johannes kommt sich von allen betrogen vor und fühlt sich völlig hilflos, weil er keinen Weg sieht, mit seinem neuen Wissen umzugehen.
Und natürlich gibt es solch einen Weg auch nicht, so wie es für diesen Roman keine im Sinne eines herkömmlichen Handlungsromans übliche Auflösung gibt. Johannes Stein wird mit dem, was er in diesem Sommer 1964 erfährt, sein ganzes Leben hindurch umgehen müssen. Es ist ein Buch über das Ende der Kindheit, das Erwachsenwerden und die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.
Meine Schreibweise der Geschichte folgt einer natürlichen Ordnung des Bewusstseins. Das heißt, ich nutze für die Erzählung insofern eine avancierte Darstellungsweise, als die Handlung sich nicht nach einer nachträglich konstruierten Logik richtet und somit eine kausale Ordnung behauptet, die es in einer möglichen Realität nicht gab. Die Darstellung orientiert sich vielmehr an Schauplätzen (dem Keller, dem Dachboden, verschiedenen Zimmern im Haus und Orten in der Stadt wie dem Kino oder der Bibliothek), wie sie in der Erinnerung des Protagonisten auftauchen würden.
In der Erinnerung der Hauptfigur Johannes Stein ist die Handlung durch Orte definiert, darum wird der Roman als eine Abfolge von Schauplätzen erzählt, die nacheinander ausgeleuchtet werden. Für den Leser sollte deshalb auch von Anfang an klar werden, dass dies ein Buch der Erinnerung ist, eine Reise in die Kindheit und an die Orte, die für die Bewusstwerdung der Hauptfigur entscheidend waren.
… wird fortgesetzt!