Literatur

Lebenswege / Schall und Wahn

Dienstag, 16. Februar 2021, bei “Perfectly Unhappy” und “Never Ending January” vom Espen Eriksen Trio

Am Frühstückstisch fragte mich die Liebste, ob ich etwas dagegen einzuwenden hätte, wenn sie die Bücher über das Lauftraining und meine Sammlung zum Thema Jonglage an J. und N. verschenken würde. Ich wusste, das sie die Bücher vor Tagen aussortiert hatte, als sie mit unserer neuen englischen Bibliothek im ausgebauten Dachgeschoss beschäftigt war. Nein, sagte ich, und schenke ihnen auch die Jonglierbälle usw., das sind sonst doch nur noch Staubfänger. Schön, die beiden freuen sich schon, sagte sie, die joggen doch jetzt täglich.

Ich musste daran denken, wie erstaunlich es war, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der ich mindestens dreimal in der Woche einen Halbmarathon gelaufen war. Damals hatte ich auch wieder zu zeichnen begonnen. Die meisten meiner inzwischen verstaubten halb vollen Zeichenblöcke und -bücher stammen aus dieser Zeit. Ich begann mein Studium der Philosophie und der Neueren deutschen Literaturwissenschaften. Und in Stuttgart traf ich mich mit einer Gruppe zum regelmäßigen Jonglieren, nichts großartiges, nur so drei bis vier Bälle mit zwei Händen. Sogar bis dahin war es allerdings ein recht weiter Weg gewesen. Aber wie hatte das alles eigentlich angefangen?

Angefangen hatte es damit, dass ich sterben sollte. In den Jahren 1999 und 2000 ging es mir immer schlechter, ich wurde kontinuierlich schwächer, verlor an Gewicht und vermochte mich kaum noch länger als zehn bis fünfzehn Minuten zu konzentrieren. Schreibend am Tisch zu sitzen, dazu fehlte mir einfach die Energie. Ich beschimpfte mich selbst als faul und unfähig, versuchte in immer neuen Anläufen mit irgendeinem Text weiterzumachen und musste mich doch geschlagen geben; meist legte ich mich dann auf den Fußboden und hörte Musik, zehnmal am Tag.

Meine Ärzte waren ratlos. Der Internist begründete sein Unwissen regelmäßig damit, dass ich ja schließlich schon lange Diabetiker sei. Da könne alles mögliche geschehen. Bei Diabetikern wisse man nie so genau. Diabetiker waren für ihn augenscheinlich sehr unheimliche Phänomene, seltsame Gestalten, die sich des Nachts in Werwölfe verwandelten. Denen konnte man nicht trauen. Die meisten Allgemeinmediziner wissen in der Tat gar nichts vom Diabetes und gehen zumindest unbewusst davon aus, dass Patienten, die an Diabetes leiden, grundsätzlich immer lügen. Und mein Diabetologe? Der riet mir, sehr viele Nüsse zu essen, die seien sehr fett. Da werde das ständige Abnehmen bestimmt sehr bald aufhören.

Das ging so lange, bis ich 45 Kilo verloren hatte, statt wie in meinem ganzen Leben zuvor nicht mehr 95 Kilo sondern nur noch 50 Kilo wog und den Tumor, der da in meinem Rücken wuchs, mit der eigenen Hand durch die Haut ertasten konnte. Von da an schmerzte er auch. Jetzt endlich machte der Internist ein Ultraschall und sagte trocken: “Oh ja, da ist was, das gehört da nicht hin.” Ich fuhr anderen Tags, auf Gründonnerstag 2001, ins Leonberger Krankenhaus, erfuhr dort, dass ich ein inzwischen fußballgroßes Nierenkarzinom hatte und nach Ostern sofort operiert werden musste. Der Internist entschuldigte sich bei mir, als ich mit dem Befund aus der Klinik kam. Besser als gar nichts, dachte ich und ging. Ich habe ihn nie wieder aufgesucht und seine Einweisung ins Stuttgarter Krankenhaus nicht in Anspruch genommen.

In der Nacht kamen die schwarzen Vögel, meine Todesboten, sie flogen über den Fluss und den Waldrand, landeten vor mir im Hof und sprachen mit mir. Am nächsten Tag fuhr ich zu meiner Liebsten und musste ihr versprechen, dass ich nicht sterben, sie nicht allein lassen würde. Gut, ich versprach es, obwohl ich wusste, dass das nicht mehr in meiner Hand lag und die Todesvögel mir etwas anderes gesagt hatten. Aber was versprechen Männer den Frauen nicht alles.

Operiert wurde ich nach Ostern im Krebsforschungszentrum in Düsseldorf, wo mein kleiner Bruder F. leitender Oberarzt war. Es dauerte bis zum Sommer, um wieder so weit auf die Füße zu kommen, dass mir keine Schläuche mehr aus dem Bauch hingen und ich wieder essen konnte. Dann fuhren wir nach Warnemünde, wo die Liebste an einem dicken Manuskript arbeitete und ich am Strand meine ersten Geh- und später dann Laufübungen unternahm. Drei Schritte gehen, stehenbleiben, bis zehn zählen, wieder drei Schritte gehen. Ab der zweiten Woche dann zehn Schritt laufen, dann zehn Schritte gehen, dann wieder zehn Schritte laufen usw. So kämpfte ich mich Schritt für Schritt zurück, und der einzige wichtige Moment, den es aus diesem Warnemünder Sommer noch zu verzeichnen gibt, das ist der Tag, an dem ich verhinderte, dass die Liebste ihr Manuskript in einem Anfall tiefster Verzweiflung verbrannte. Die Leute machen sich ja keine Vorstellung, in welche seelischen Abgründe das Schreiben den Schriftsteller stürzen kann. All diese naiven Schönwetter-Autoren, die aus irgendwelchen VHS-Kursen gekrochen kommen. Nun gut, die Liebste hat es dann viel später doch noch beendet, und es ist bis heute ihr umfangreichstes Buch geblieben.

Mein bevorzugter Laufweg im Glemstal

Natürlich habe ich mich in diesem Sommer 2001 noch nicht für Laufbücher interessiert. In mein Tagebuch schrieb ich im September:

Sonntag, 16. September 2001
Ich habe sehr lange nichts mehr geschrieben, weiß auch gar nicht, ob ich es noch kann, ob ich mich überhaupt zu äußern vermag, selbst wenn es sich nur um Privates handeln sollte. Seit mir an Gründonnerstag die Krebsdiagnose gestellt wurde, ist ein Schweigen in mich eingezogen, das von Verwirrung und Ziellosigkeit gespeist wird. Daran hat die letztlich wohl erfolgreiche Operation ebenso wenig ändern können wie die seither vergangenen Monate, die mich körperlich einigermaßen wiederhergestellt haben. Ich lebe seither sehr ruhig vor mich hin und dank Juttas Liebe auch vorerst leidlich sicher, doch bin ich immer noch wie unter einer Betäubung. Vielleicht ist das ja ganz einfach und banal der Schock der Katastrophe, doch scheint es so zu sein, dass ich daraus nicht von allein zu erwachen vermag. Es braucht den ganz bewussten Beschluss, das entschiedene Neubeginnen. Ich muss mich selbst zur Wachheit rufen. Und das geht nur, wenn ich auch wieder zu schreiben beginne.

Für diesen Neubeginn brauchte es nochmals ein ganzes Jahr, und erst 2003 lief ich im Tal hinter unserem Haus erst fünf, dann acht, dann zehn, zwölf, fünfzehn und am Ende zwanzig Kilometer, zwischen den Feldern, auf dem Mühlenwanderweg, über den Fluss und um die kleinen Dörfer im Korntal, lief durch die Jahreszeiten, vom Frühjahr durch den Sommer und Herbst in den Schnee hinein und wieder heraus. Und immer, wenn ich nach meinem täglichen Lauf in einer Wolke aus Glück unter der Dusche stand, sprudelte mein Gehirn neue Schreibideen, die ich gar nicht so schnell festhalten konnte, wie sie heraus wollten.

Etwa seit dem Frühjahr 2002 begriff ich damals, dass ich glücklich war. Einfach so. Und vor allem ganz im Gegensatz zu meinem Leben davor. Ich begriff, dass Glück kein irgendwie abstraktes Ding ist, nichts, was man sich erträumt, oder was sich einstellt, nachdem man im Lotto gewonnen hat, ein neues Auto fährt, berühmt ist oder sonst ein Quatsch. Glück ist ein körperlicher Zustand. Man muss ihn nur begreifen. Bei mir geschah dass zu Beginn des Jahres 2002. Es hat mich nie mehr verlassen, und es ist unabhängig davon, ob ich müde oder niedergeschlagen bin. Inzwischen habe ich die Königin der Krankheiten, das Karzinom, um 20 Jahre überlebt. Die durchschnittliche Überlebensrate beträgt in den ersten fünf Jahren nach der Operation nur 50 %. Was will ich also mehr.

Ich begann damals auch endlich wieder zu schreiben, obwohl es noch fast zehn Jahre brauchte, bis ich wieder etwas veröffentlichen konnte. Das war dann 2011 der Roman “Calvinos Hotel”, zu dem Simone Barrientos sagte, den will ich habe und veröffentlichen. Weil sie es wollte kam ich 2011 auf den Buchmarkt zurück, auf dem ich seit 1989, seitdem ich aus Rom zurückkehrte, nicht mehr zu finden gewesen war.

Heute ist das alles vorbei und nur noch Stoff für ein müßiges Gedankenspiel während des Frühstücks. Und die Bücher, die mir damals weiter geholfen haben, können gern verschenkt werden. Sie sind noch in sehr gutem Zustand.

Bleiben auch Sie glücklich
wünscht Ihnen Ihr PHG