Literatur

Offenheit und der Beginn im neuen Jahr

Freitag, 6. Januar 2023, bei der „Complete Music for Solo Guitar“ von Hans-Werner Henze, interpretiert von Andrea Dieci

Natürlich beginne ich nicht erst heute, am Dreikönigstag, wieder mit der Arbeit, aber ich habe mich in diesem Jahr bisher auf Lektüre und Notizen beschränkt. Zudem auf das, was Heimito von Doderer als Apperzeption bezeichnet – will sagen, auf die allseitige Offenheit der Wahrnehmung und dem Vertrauen darauf, dass die Sub-Programme des Gehirns auch ohne die bewusste, zielgerichtete Anstrengung der Person aus den wahrgenommenen Daten Ergebnisse produzieren. Schlichter ausgedrückt, dass das Gehirn des Schriftstellers auch dann schreibt, wenn er/sie es nicht tun.

Für Doderer, der einer meiner Lieblingsautoren ist, war dieser Vorgang, also die allseitige Offenheit des Bewusstseins, so wichtig, dass er sie als Grundbedingung des Schriftsteller-Seins betrachtete. Ein Schriftsteller ist der, der sich apperzeptiv verhält. Man muss nicht schreiben, um Schriftsteller zu sein; aber ohne Apperzeption wird man niemals einer sein, egal wieviel man schreibt.

Ansonsten habe ich im Übergang zum neuen Jahr einige Großlektüren abgeschlossen, so etwa die mächtige Arno Schmidt Biographie von Sven Hanuschek. Dass ich die fast 1000 Seiten tatsächlich lesen würde, habe ich selbst nicht gedacht, als ich das Buch im vergangenen Jahr bei unserem Buchhändler bestellte. Es war mir einfach notwendig, um meine Arno Schmidt-Sammlung zu vervollständigen. Und dann hat mich die Lektüre doch nicht losgelassen. Inzwischen lese ich sogar erneut „Die Schule der Atheisten“. Ich besitze noch die Fassung mit dem schönen Umschlag von 1972. Das Buch wartet jeden Tag auf meinem Stehpult auf mich, Lektürevorgabe pro Tag zumindest eine Seite, sodass die „Schule“ in diesem Jahr quasi nebenher mitgelesen wird.

Ich war ja AS-Leser, seit ich kurz vor dem Abitur seine „Gelehrtenrepublik“ gelesen hatte, die Hanuschek so treffend die »übermütig-rabenschwarze Gelehrtenrepublik« nennt. Und 1990, während meines Stipendienaufenthaltes im Hannoverschen Wendland, habe ich gemeinsam mit der Liebsten auch das kleine Wohnhaus und die Arbeitsstätte von Arno und seiner Frau Alice in Bargfeld besucht. Bernd Rauschenbach war damals so nett uns einzulassen und uns durch die Räumlichkeiten sowie über das Grundstück zu führen; nach Anmeldung freilich. Das berühmte Bild von AS am Gartenzaun, das haben wir nicht mehr erlebt, denn er war, als wir durch dieses Tor gingen, bereits seit 11 Jahren tot.

Ja, das waren so Kleinigkeiten im Umgang mit dem Jahreswechsel und dem Beginn von 2023; zwischendrin mein Geburtstag. Meine sonstige Lektüre findet seit Wochen nur zum Thema „Christentum“ statt. Ich habe noch nie einen so umfangreichen historischen Stoff recherchiert, aber es ist unerhört spannend und erhellend. Ein Leckerbissen dabei ist Jean-Luc Nancys „Dekonstruktion des Christentums“ – das ist schon fast der Witz an der Sache, denn wenn man sich mit dem Christentum befasst, dann läuft es unweigerlich auf eine Dekonstruktion hinaus. (Was freilich beim Islam, den ich parallel bei meinen Recherchen zur Kenntnis nehmen muss, nicht anders wäre. Aber das ist nicht mein Thema.)

Lesen Sie was, wenn Sie glücklich bleiben wollen
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Peter H. E. Gogolin: Erzähler, Roman-Autor, Stücke- und Drehbuchschreiber, Lyriker