Die innere Erfahrung der Literatur und der Roman No. 7

Dienstag, 27. Dezember 2022, bei Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 7, mit dem SWF Sinfonieorchester unter Hans Rosbaud von 1997

Meine Mahler-Aufnahme in der Hans Rosbaud-Edition besitzt ein, wie zumindest ich finde, unerhört interessantes Cover, das auch als Sinnbild für die Kunstproduktion an sich sehr anschaulich vor Augen führt, um was es geht, wenn man von Kreativität spricht.

Das Cover zeigt vor oder auf dem Hintergrund eines grob abgerissenen Tuchfetzens, vom ehemaligen Falten noch grau und stockfleckig, mit gelblichen Rändern und wie verrutscht daliegend, einen mit feiner Präzision eingezeichneten Kreis.

Dieser Kreis in seiner Feinheit und Makellosigkeit ist für mich die geplante, erhoffte und niemals erreichte Form des Werks, die Perfektion, die die Himmelskundler vor Kepler zwingend, da in ihrer perfekten Form göttlich, auch für die Planetenbahnen annahmen. Darinnen eine Folge von sieben weiteren, stetig kleiner werdenden Kreisen, deren gemeinsamer Mittelpunkt nach rechts verrutscht ist und so gewissermaßen zeigt, wie das Universum des Werk zwangsläufig auf die schiefe Bahn gerät.

So wirken dann auch die auf diesen Bahnen kreisenden Elemente – eine Ansammlung von Rädchen, Scheiben, Knöpfen – wie willkürlich angeordnet, zur Mitte hin gehäuft und sich wohl sogar gegenseitig behindernd, als habe ein etwas unbekümmerter Gott noch keine Zeit gehabt, seine Einfälle soweit zu ordnen, dass die letztliche Struktur des Werkes sichtbar werden kann.

Und hinter all dem, gleich einem willkürlichen Fleck, eine uringelbe Sonne mit ausgefransten Rändern. Ein gewaltiges Schwerkraftzentrum, das, wie von einem Zen-Künstler gemalt, all den Bemühungen der anderen Kreise spottet.

Ich könnte jedes meiner Bücher hier stimmig anordnen. Nun ist dieses “stimmig” freilich nur für mich, denn von außen sieht man es dem Werk nicht an, so wie ja die Lektüre des Lesers immer ihren eigenen Sprachraum erschafft, der niemals deckungsgleich mit dem des Autors sein wird und kann. Im schlimmsten Fall, der sogar der häufigste sein dürfte, bleibt die Lektüre stets außen, erfasst den Sprachkörper nur als Objekt, als ein Ding, während er doch vielmehr ein Subjekt ist, ein Bewusstsein, ein eigenes Innen, das vom Autors Satz für Satz, Wort für Wort mit Subjektivität aufgeladen wurde, in der das Erleiden eines ganzen Lebens schwingt. Und selbst das nur dann, wenn die Sprache und ihre Rhythmen überhaupt bemerkt werden, statt dass sie flüchtiger Lektüre zum Opfer fallen, während der Leser den Text nach Oberflächeninformationen durchkämmt, die fälschlich für die Geschichte gehalten werden.

Meinen nächsten Roman, den ich bisher, infolge des noch fehlenden Titels, nur »Roman No. 7*« nenne, werde ich deshalb ganz bewusst von solchen Oberflächeninformationen möglichst frei halten, um den Weg in den Sprachinnenraum zu lenken. Das wird die Anzahl der Leser wesentlich einschränken, aber gleichviel – wer Reisende will, die aus wahrer Passion reisen, muss den Zugang zum Reiseland erschweren.

Bleiben Sie glücklich
wünscht PHG

PS:
*No. 7 ergibt sich zufällig, weil es nach 1. “Seelenlähmung”, 2. “Kinder der Bosheit”, 3. “Calvinos Hotel”, 4. “Herz des Hais”, 5. “Der Mann, der den Regen fotografierte” und 6. “Nichts weißt du, mein Bruder, von der Nacht” halt tatsächlich der siebte ist, aus keinem tieferen Grund. Wer es nicht glaubt, der ist selbst schuld.