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Das rätselhafte Gewebe des Lebens

Sonntag, 16 April 2023, bei Messiaens ‘Quatuor pour la fin du temps’, mit Gil Shaham, Paul Meyer, Jian Wang und Myung-Whun Chung

Korrekturen, der 21. Arbeitstag: Ich nähere mich heute der 200. Seite, werde die Korrekturen also bis kurz über die Mitte des Buches vorgetrieben haben, wenn ich bis zum späteren Nachmittag mein Pensum erledigt haben will. Der Stapel der durchgearbeiteten Manuskriptblätter auf meiner rechten Seite des Arbeitstisches wächst. Das wäre kein schlechtes Ergebnis, wenn ich nicht wüsste, die wievielte Korrektur bzw. Neufassung der Niederschrift es inzwischen ist.

Seit dem Arbeitsbeginn an diesem Text werden, wenn er zur Herbstmesse 2024 erscheint, was ich hoffe, insgesamt neun Jahre vergangen sein. Mit allen Pausen und Unterbrechungen, die die Zähne der Zeit mir ins Leben genagt haben, natürlich; aber das versteht sich ja eh von allein. Damals, als ich begann, fühlte ich mich noch ausreichend jung, um so ein Projekt anzugehen. Inzwischen schmecke ich das Alter meines Fleisches. Darum muss es in diesem Jahr unbedingt damit ein Ende haben.

Das rätselhafte Gewebe des Lebens, ergibt es einen Sinn? Zeigt sich am Ende ein Bild, das etwas erklärt? Die Arbeit am Buch über meine Eltern “Ein paar Dinge, die ich über mich, meine Eltern und Auschwitz weiß” stellt mich jeden Tag neu vor diese Frage. Dies vor allem auch in Bezug auf mich selbst, denn mir wird mit jedem Arbeitstag daran bewusster, dass es sich auch um so etwas wie eine Autobiografie handelt, was am Anfang gar nicht beabsichtigt war, da ich zentral nur die Geschichte meiner Eltern im Blick hatte. Das war insofern naiv, als ich selbst das notwendige Verbindungsglied und der Erzähler war. Ich hatte, als ich die Geschichte von dem großen Wal zu schreiben begann, der das Leben meiner Eltern ist, lediglich zu sagen vergessen: “So nennt mich denn Ismael.”

Nun, man wird sehen. Zumindest eines ist jetzt schon sicher: Wenn das Buch erscheint, so wird es kein Werk in der deutschen Literatur geben, das mehr und privater von der Geschichte des Autors und seiner Familie erzählt. Es ist eine Grenzüberschreitung und zeugt im Grunde eine neue Gattung der Literatur.

Vor etwas über einem Jahr habe ich, um die Entstehungsbedingungen dieses so anderen Buches zu reflektieren, einen Essay geschrieben, der damals in der Literaturzeitschrift eXperimenta erschien. Kurze Zeit danach wurde der Essay von der Internet-Plattform Cultureglobe⎪Kultur und Politik übernommen, wo man ihn auch heute noch nachlesen kann. Der Text hellt wohl die Hintergründe des Buches etwas auf und kann als Einführung zu dem durchaus schwierigen Stoff dienen. Und nun wieder in die Korrekturen.

Bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen PHG

Peter H. E. Gogolin: Erzähler, Roman-Autor, Stücke- und Drehbuchschreiber, Lyriker

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