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Tag der Befreiung von Dortmund

Dienstag, 13. April 2021, bei Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 60 “Leningrad”, unter Mariss Jansons und den Berliner Philharmonikern, Aufnahme vom 12. Juni 1992

In den Kriegs-Ruinen der Stadt Dortmund bin ich aufgewachsen und ab 1956 zu Schule gegangen. Heute ist der Tag der Befreiung dieser Stadt, in der ich als Kind lebte, ohne dass mir die Erwachsenen jemals etwas vom Krieg erzählt hätten, weder in der Familie noch in der Schule. Seither bin ich auf Totensuche.

Foto aus dem Bildarchiv der Stadt Dortmund

In meinem Essay “Das Gewicht der Zeit” schrieb ich: “Meine Kindheit war von den Spuren des Krieges umgeben, doch als Kind betrachtet man, da man keinen Vergleich hat, erstmal alles als normal. Lange ahnte ich deshalb gar nicht, dass knapp hinter meinem Rücken gerade ein Krieg zu Ende gegangen war. Die, die es wussten und mir hätten sagen können, zogen das Schweigen vor.

Doch seit ich schreibe, schreibe ich über diesen Krieg. Selbst meine allerersten Geschichten, die ich mit fünfzehn, sechzehn Jahren schrieb, höchst unvollkommene Prosaversuche, scheinen, wenn ich sie mir in Erinnerung rufe, vom Krieg zu handeln. Ich ließ auf dem Papier Gasmasken tragende Tote aus Kellern steigen. Unter Häusern taten sich Abgründe auf, plötzlich brach der Boden ein und man stürzte in Ruinenstädte, die ihre Geheimnisse in Dunkelheit bewahrt hatten.

Warum das? Ich könnte zwar sagen, ich bin sehr kurz nach diesem Krieg geboren. Der Zweite Weltkrieg ist, nimmt man es absolut, das bisher größte Ereignis der Menschheitsgeschichte gewesen. Er wurde auf sechs der sieben Erdteile sowie auf allen Weltmeeren ausgetragen. 60 bis 70 Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer, von den mehr als hundert Millionen, die an Körper und Seele bis heute zutiefst verletzt, gestört, zerstört sind, ganz zu schweigen, weil es die Vorstellungskraft – die arme überforderte Vorstellungskraft – gänzlich übersteigt. Nur ein darauf folgender Atomkrieg, der uns bisher erspart geblieben ist, mit dessen permanenter Möglichkeit ich aber während des “Kalten Krieges” aufgewachsen bin, hätte diese Ausmaße übertreffen können. Und da hinein bin ich kurz darauf geboren worden. Meine Eltern haben sich im sogenannten Hungerwinter 1946/47 kennengelernt. Wieso erstaunt es mich also, dass ich vom Zweiten Weltkrieg geprägt bin?

Wir Kinder spielten in Ruinen. Und die Erwachsenen sagten uns nicht, warum das so war. Von Dortmund, der Stadt, in der ich aufwuchs und ab 1956 zur Schule ging, verzeichnet die Statistik einen Wohnungsverlust von 65,8 %, das sind 105 500 Wohnungen. Von allen deutschen Großstädten waren die Schäden nur in Köln größer. Der am dichtesten bewohnte Dortmunder Stadtteil war zu 95 % zerstört. 1939 lebten 538 000 Menschen in Dortmund. 1946 waren es nur noch 436 000.  In ausgebrannten Kellern, in denen noch verbeultes Kochgeschirr lag, haben wir Verstecken gespielt. Im Hof unseres neu erbauten Wohnhauses habe ich in meiner Arbeitsjacke Löcher gegraben und bin auf die Fundamente der früheren Häuser gestoßen, auf Keller, in denen Kisten mit Gasmasken im schwarzen Wasser standen. Ich fand kistenweise grauweißes Carbid, das wir Kinder in Wassereimer schütteten, um dann gespannt zuzuschauen, wie es brodelte und zischte. Erst viel später habe ich erfahren, dass damit Azetylen-Lampen betrieben wurden, um, wenn die Bomben fielen, in den Luftschutzkellern etwas Licht zu haben.”

Lassen Sie uns hoffen, dass unsere Kinder und Kindeskinder etwas Vergleichbares nie erleben müssen und gedenken Sie mit mir am heutigen Tag der Befreiung von Dortmund der Opfer, ohne zu vergessen, dass das Sterben, Morden und Leiden von deutschem Boden ausging. Und nicht nur in Dortmund.