Literatur

Das verschwundene Grab

Sonntag, 20. November 2022, Totensonntag, bei den ‚Tangents‘ des Gary Peacock Trios

Gegen Morgen verirrte ich mich zwischen den Wänden eines schwarzen Waldes, durch den mein Weg mich zu einem Friedhof führte und dort vor zwei Gräber, auf denen steinerne Platten, parallel zueinander, lagen und sich in Sprache bzw. in eine Stimme verwandelten.

Dies ist deine erste Geschichte, sagte die Stimme, geschrieben und veröffentlicht wurde sie 77/78. Das eine der Gräber ist inzwischen verschwunden. Seither suchst du danach.

Nun war der Traum von der seltenen luziden Art, denn ich begriff an dieser Stelle nicht nur, dass ich mich in einem Traum befand, sondern zudem, dass das, was die Stimme da gesagt hatte, zumindest in direkter Weise, nicht wahr war. Weder hatte ich real etwas mit zwei Gräbern zu tun, noch gab es in meiner Lebensgeschichte ein verschwundenes oder zumindest später verschwundenes Grab. Und ich hatte selbstverständlich auch keine Geschichte geschrieben, die 1978 veröffentlicht worden war, ob nun über ein oder zwei Gräber. All dies wurde mir, während die Stimme in dieser Weise die Gräber erklärte, ohne Zweifel bewusst.

Ich wandte mich daraufhin von den Gräbern ab, um mich auf den Rückweg zu machen, versuchte es zumindest, wobei ich jedoch den Bereich des dunklen Waldes, während ich über das Erlebte nachsann, niemals verließ. Die Stimme hatte geklungen, als spräche meine Literatur oder die Literatur an sich selbst zu mir, und ihr Sprechen setzte sich nun auf dem Rückweg fort, wurde dabei aber mehr und mehr zu meiner eigenen Kopfstimme. Und so wie mir unmittelbar bewusst gewesen war, dass es die Geschichte dieser Gräber real nicht gab, so wurde mir nun auch deutlich, dass in der Tat die meisten meiner Bücher von der Suche nach etwas Verschwundenem handelten.

Der Klappentext meines ersten Romans „Seelenlähmung“ begann tatsächlich mit dem Satz, dies sei ein Roman der Suche. Und gesucht wurde in diesem Buch zwar kein verschwundenes Grab aber dafür ein verschwundener Mensch.

Und nun begann die gedankliche Durchmusterung meiner Bücher, in der Reihenfolge, in der ich sie nach der „Seelenlähmung“, die 1981 erschienen war, geschrieben und veröffentlicht hatte. Die „Kinder der Bosheit“ zunächst, dann „Calvinos Hotel“ und immer so weiter. In allen Fällen wurde mir klar, dass es Bücher der Suche waren, und wenn nicht real wie in „Der Mann, der den Regen fotografierte“, die Suche nach der entführten Hauptfigur, so doch die Suche nach der Wahrheit, der Wahrheit einer Person oder eines Geschehens, der verborgenen Wahrheit einer Lebensgeschichte etwa, wie in dem noch nicht veröffentlichtem Buch „Ein paar Dinge, die ich über mich, meine Eltern und Auschwitz weiß“.

Aus dem Wald heraus fand ich nicht, ich schien mich sogar tiefer und tiefer darin zu verirren, bis dahin, dass mir die Wörter entglitten und unsicher wurden, sodass ich über ihre korrekte Schreibweise nachzudenken begann. Dabei immer die schwarzen Mauern der Bäume um mich, als wäre es nicht Bäume sondern hoch aufragende steinerne Wälle zwischen denen ich ging. Auch waren die Wege, denen ich zu folgen versuchte, um den Ausgang zu finden, nun schnurgerade angelegt, eingefasst von roten Backsteinen und rechtwinklig zueinander angeordnet, was mir wieder das Bild der anfänglichen Gräber wachrief.

Mir wurde dabei bewusst, dass die mein ganzes Leben hindurch schreibend betriebene Suche tatsächlich dem Öffnen von Gräbern glich, denn das, was ich da zu finden versuchte, war derart begraben gewesen, dass ich in den letzten Jahren selbst mein Schreiben als eine „Totensuche“ bezeichnet hatte. Wissend, dass man die Toten zwar nicht ins Leben zurückkehren lassen kann, dass man sie aber zu hören vermag. Denn ihre Stimmen leben im Buch.

Irgendwann erwachte ich in den heutigen Sonntag hinein und jetzt, da ich meine Traumwanderung hier notiert habe, bin ich sogar recht zufrieden, denn wenn die Deutungen auch nicht alles erklären – zum Beispiel nicht, warum es ausgerechnet zwei Gräber waren und weshalb eines davon nun verschwunden sein soll -, so berühren sie doch wie Tangenten an so vielen Punkten die Kurve, die das Schreiben durch mein Leben genommen hat, dass es mir vorkommt, es sei mir ein Akt der Selbstaufklärung zuteil geworden.

Bleiben Sie glücklich
wünscht Ihnen Ihr PHG

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Peter H. E. Gogolin: Erzähler, Roman-Autor, Stücke- und Drehbuchschreiber, Lyriker