Literatur

Der Monat, herum – und mehr

Mittwoch, 31. Mai 2023, bei Kate Bush „50 Word for Snow“

Ja, die Welt ist so laut, da hat sie Recht, die Kate. Und schnell, zu schnell, das Album, das ich gerade von ihr höre, ist auch schon wieder zwölf Jahre alt. Kaum ist man aufgestanden und hat ein wenig sein Geschäft erledigt, da ist es bereits abends, die Kinder werden größer, dort, wo es noch Schnee gibt, wechselt die Landschaft von grün zu weiß, zu grün, zu weiß, zu … den Kriegsherrn kommen die Lügen so leicht von den Lippen, dass man sich schämt, ein sprechender Mensch zu sein, Jahr um Jahr, Leben um Leben.

Mit meinem Manuskript „Der Mann mit dem Hund“ bin ich bei der Überprüfung des 8. Kapitels steckengeblieben, einfach weil mir unvermittelt der Gedanke kam, dieses Kapitel gehöre da gar nicht hin oder eigne sich viel besser für einen späteren Teil des Romans, der aber noch nicht vollständig geschrieben ist. Also ein wunderbarer Trick, um sich selbst ein Bein zu stellen. Dann kamen auch noch prompt zwei Tage mit unsinnigen Computer-Arbeiten und schon brach alles zusammen. Ich werde dort, wo alles zum Erliegen kam, neu ansetzen müssen.

Und dabei der Gedanke, dass man gar nicht mehr weiß, wie das alles ohne Computer zu bewältigen wäre. Die Erinnerungen an meine Schreibmaschinen auf ihrer Prozession durch die Zeit meines Lebens kommen zurück. Die „Olympia Monika“, auf der alles begann, eine elegante Dame, gekleidet in weißem Lack, mit dunkelgrünen Tasten, auf der ich schrieb, bis meine Hände die Farbe vom Gehäuse gerieben hatten und das blanke Blech darunter zum Vorschein kam; die Geburt meines ersten Romans erfolgte darauf. Danach dann die elektrische „IBM-Kugelkopfmaschine“, ein beigegrauer Panzer, permanent ratternd und jeder Buchstabe schlug aufs Papier, als sollte es für die Ewigkeit sein. Ich hatte das schwere Gerät gebraucht von Uwe Friesel gekauft, dem Nabokov-Übersetzer, der wie ich in der Eppendorfer Landstraße wohnte. Er hatte sich gerade für viel Geld den ersten Vorläufer eines Textverarbeitungssystems gekauft, wofür er einen Kredit hatte aufnehmen müssen. Damit konnte man bereits kurze Textabschnitte speichern. Ungeheuer, was man damals für 20.000 Mark bekam.

Ich schrieb auf der IBM „Kinder der Bosheit“, meinen zweiten Roman. Tippfehler wurden mit flüssigem Tipp-Ex einigermaßen unsichtbar gemacht, für die Änderung größerer Textabschnitte zerschnitt man das Manuskript mit der Schere und klebte die Blattteile mit Uhu neu zusammen. Als ich das Manuskript von „Kinder der Bosheit“ abschloss und ENDE darunter schrieb, hatte ich einen Kreislaufzusammenbruch. Das war 1985, danach änderte sich alles. Das Buch erschien erstmals im Frühjahr 1986, dann ging Tschernobyl in die Luft und meine Tochter wurde geboren.

1985 erblickte auch der erste vollwertig PC das Licht der Welt, der eine Textverarbeitungs-Software besaß und so für Schriftsteller geeignet war, es war der „Armstrad PCW“, der in Deutschland mit einem Z 80 Prozessor unter dem Namen „Schneider Joyce“ verkauft wurde; das W hinter PC stand für Word Processing. Der Geburtstag von James Joyce gab dazu das Signal. Ich kaufte mein erstes Gerät 1986, im Laufe der Jahre kamen Peripheriegeräte wie Nadeldruck und Diskettenlaufwerke hinzu, Speichererweiterungen, man rüstete auf, von 128 KB auf 256 KB, und bei 512 KB, da glaubte man sich für alle Zeiten auf der sicheren Seite. Mein erster Joyce mit 128 KB kostete rund 2.000 Mark und war für mich nur erschwinglich, weil ich damals Drehbücher schrieb und den Filmproduzenten zu einer höheren Gage überredet hatte.

Mit meinem Joyce zog ich auch 1989 nach Rom in die Villa Massimo um, die letzten darauf entstandenen Manuskripte sind erst nach 2019 publiziert worden. Microsoft kam erstmals 1990/91 bei mir zum Einsatz, als ich mit einem Stipendium in Schreyahn im Hannoverschen Wendland lebte. Endgültig auf Apple umgestiegen bin ich erst, als der erste iMac mit Intel-Prozessor herauskam, also 2006/2007. Und außerdem schreibe ich auch immer noch mit der Hand, inzwischen mit der linken, weil meine rechte seit 2019 nicht mehr funktioniert. Aber was funktioniert schon ewig, keines meiner Schreibgeräte hat bisher so lange durchgehalten wie ich selbst.

So, das war es, Kate Bush ist bereits durch. Inzwischen singt Joni Mitchell „A Chair in the Sky“. Ich glaube, abgesehen von meiner Liebsten, wird Joni heute die Dame an meiner Seite bleiben. Sie hat einen Platz in meinem Ohr gefunden, da kann die Callas tun was sie will.

Bleiben Sie glücklich
wünscht Ihr PHG

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Peter H. E. Gogolin: Erzähler, Roman-Autor, Stücke- und Drehbuchschreiber, Lyriker